Joker

Drama, USA 2019

Joker

Todd Phillips (Hangover) hat Batmans ewigem Widersacher Joker eine Origin-Story auf den Leib geschneidert. In dieser radikalen Comicverfilmung begleiten wir einen psychisch labilen Sonderling (großartig: Joaquin Phoenix) bei seinem Werdegang zum gemeingefährlichen Superschurken. Der Film räumte heuer bei den Filmfestspielen von Venedig den Goldenen Löwen ab!

Eine Grundregel des dramatischen Erzählens lautet: Damit sich der Held einer Geschichte entfalten und beweisen kann, braucht er eine starke, antagonistische Gegenkraft. Simpel gesagt: Je besser der Schurke, umso strahlender der Held. In diesem Fall ist es einer der schillerndsten, vielseitigsten, tragischsten und tiefgründigsten Bösewichte der Comicwelt, der seinen Widersacher Batman schon öfter fad hat aussehen lassen – und die Biografie des Joker hat genug Fleisch am Knochen, ihm einen eigenen, saftigen Origin-Film zu widmen. Todd Phillips, als Schöpfer der tabulosen Hangover-Trilogie berühmt geworden, hat sich mit Ausnahmeschauspieler Joaquin Phoenix dieser dunklen, gebrochenen Figur angenommen.

Wie ein armer Hund zum mörderischen Joker wurde

Gotham City, Anfang der Achtzigerjahre, eine Stadt wie New York vor der Ära Rudy Giuliani, dreckig, gedrängt, heruntergekommen und dysfunktional. So streikt die Müllabfuhr schon ewig, was eine Plage riesiger Ratten zur Folge hat. Mitten in diesem Hexenkessel wie aus einem alten Martin-Scorsese-Film (tatsächlich wird man öfter die Ahnung haben, dass hier zwei Werke des Altmeisters Pate standen, nämlich Taxi Driver und The King of Comedy) lebt, oder besser vegetiert der mental instabile Arthur Fleck (Joaquin Phoenix). Er wohnt bei seiner pflegebedürftigen Mutter in einem Mini-Appartement, tagsüber arbeitet er bei einer Agentur, die Clowns für Werbezwecke oder Spitalsauftritte vermietet. Er träumt von einer Karriere als Comedian, aber er leidet an einer Störung. Ähnlich wie ein Stotterer, der bei Aufregung kein Wort mehr herausbringt, fängt er bei Belastung unwillkürlich und hyänenartig zu lachen an. Sieben verschiedene Medikamente braucht er, um seinen Alltag halbwegs zu bewältigen. Entsprechend einseitig enden seine Auftrittsversuche. Als er bei einem Werbejob von Jugendlichen verprügelt wird, steckt ihm ein Kollege fürs nächste Mal einen alten Revolver zu. Der wird ihm doppelt zum Verhängnis. Denn zum einen erschießt er damit eines Nachts in der U-Bahn drei betrunkene Wallstreet-Typen, die eine Frau belästigen. Ohne es zu wollen, löst er damit in der brodelnden Stadt Gotham eine immer gewalttätigere Anti-Oberschicht-Bewegung aus. Zum anderen verliert er dadurch seinen Job, weil ihm die Kanone bei einem Auftritt vor Kindern aus der Hose fällt. Als die Sozialleistungen der maroden Stadt gestrichen werden, also seine Medikamenten-Versorgung eingestellt wird, fliegt das Geheimnis um seine Herkunft und Kindheit auf, Fleck dreht völlig durch, reißt alle Brücken hinter sich mörderisch ab und präsentiert in der Talkshow des sarkastischen Senior-Showmasters Murray Franklin (Robert De Niro), der sich über seine Stand-up-Comedyversuche öffentlich lustig gemacht hat, sein neues Ich: Joker.

Oscarreif, aber überraschungsfrei

Die Kritiker waren total gespalten. Einerseits gab es den Goldenen Löwen in Venedig für diese abgemagerte, tragische und radikale Antithese zu allen Superhelden-Filmen. Und es wäre nur schwer vorstellbar, gäbe es nicht zumindest eine Oscarnominierung für den völlig ungebremst irre spielenden Joaquin Phoenix. Dazu werden einige Nominierungen in anderen Kategorien kommen – etwa beim Setdesign oder der Ausstattung. Echter haben die 1980er seinerzeit auch nicht ausgesehen. Was prinzipiell stimmt, ist der Vorwurf vieler Kritiker, dass Joker völlig überraschungsfrei agiert. Die Story rund um und über Arthur Fleck fährt geradlinig wie eine Standseilbahn von Anfang bis Ende, und jedes Detail seiner wahnsinnigen Transformation wird analysiert, begründet und erklärt. Allerdings wäre es fraglich, würde der über zwei Stunden lange Film bei dem Zentralcharakter (der als erst tragische und gequälte, dann ins dunkel gekippte Figur mehr Mitleid als Abscheu, aber auf jeden Fall andauernd Irritation erregt) dann noch funktionieren, würde auch die Geschichte andauernd herumzacken. Einig könnte man mit den weniger begeisterten Kritikern sein, dass vielleicht eine kleine Kürzung um zehn Minuten dem trotzdem mehr als gelungenen Werk nicht schlecht täte.

Die wichtigste Instanz, die Fans, haben ihr Urteil gesprochen. Mit 93,5 Millionen Dollar in den USA lieferte Joker trotz aller Diskussionen und Befürchtungen im Vorfeld das beste Oktober-Startergebnis aller Zeiten. Auch im Rest der Welt wurde mit Füßen und Brieftaschen abgestimmt – 140 Millionen, gesamt also 234 Millionen vom Start weg. Der Joker würde verlegen lachen …

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