I Am Not Your Negro

Dokumentation, F/USA 2016
Bilder der "Black Lives Matter"-Bewegung

Bilder der "Black Lives Matter"-Bewegung

"Die Geschichte der Schwarzen in Amerika", so der Schriftsteller James Baldwin, "ist die Geschichte von Amerika." Wie Raoul Peck in "I Am Not Your Negro" zeigt, ist es keine schöne Geschichte. Und eine, die sich bis heute zu wiederholen scheint. Nach seiner TV-Ausstrahlung auf Arte findet der meisterhafte Dokumentarfilmessay glücklicherweise auch in die österreichischen Kinos.

Als Afroamerikaner und Homosexueller kämpfte der bedeutende Schriftsteller James Baldwin (1924-1987) Zeit seines Lebens gegen Diskriminierung an. Sein Buch "Remember This House" sollte sein umfassendstes, revolutionäres Projekt werden: Er wollte sich mit Leben und Vermächtnis seiner drei engen Freunde und schließlich ermordeten Bürgerrechtsaktivisten Medgar Evers, Malcolm X und Martin Luther King Jr. auseinandersetzen; ihre Biografien mit einer Reflexion seiner eigenen, schmerzhaften Erfahrung als Afroamerikaner in den USA verknüpfen. Doch bis zu seinem Tod vollendete er lediglich 30 Seiten.

Raoul Peck, 1953 in Haiti geborener Regisseur von Filmen wie "Lumumba" und zuletzt "Der junge Karl Marx", setzt mit "I Am Not Your Negro" nun seine Vorstellung von Baldwins Vision um - und führt sie weiter. Einmal assoziativ und einmal schmerzhaft direkt verwebt er Baldwins mahnende Worte, sanft aber dringlich vorgelesen von Hollywoodstar Samuel L. Jackson, mit Archivmaterial aus der Zeit der Bürgerrechtsbewegung sowie Bildern von Polizeigewalt gegen Schwarze und den Rassenunruhen von Ferguson und Dallas. Reich an Bildern und in Kapiteln strukturiert, führt die Collage die Konstruktion rassistischer Stereotype in der US-Kulturgeschichte vor Augen, stellt Verbindungen zwischen dem "Civil Rights Movement" der 50er- und 60er-Jahre und der "Black Lives Matter"-Bewegung her und zeichnet ein beklemmendes Bild der Realität von Schwarzen im modernen Amerika.

Amerika, so macht der Film deutlich, hat sich in den vergangenen Jahrzehnten nicht wirklich mit Baldwins Perspektive beschäftigt, sich allzu lange hinter dem Mythos versteckt, dass Hautfarbe keine Rolle mehr spiele. "Wir tendieren zunehmend dazu, die Geschehnisse auf der Welt nur oberflächlich zu betrachten", sagte Peck im Interview am Rande der Berlinale, wo sein Film mit stehenden Ovationen gefeiert wurde. Baldwin führe "uns zurück zum Wesentlichen, gibt uns Raum, um zu denken und zu sehen, wo das alles begonnen hat und wo wir heute stehen".

Die aktuelle Politik blitzt in der Doku nur kurz auf: Donald Trump, der zum Zeitpunkt der Fertigstellung noch nicht US-Präsident war, ist in einer Reihe sich entschuldigender, weißer Politiker zu sehen. Mit der "Unreife als Tugend" ist das Kapitel betitelt - es handelt von der zutiefst amerikanischen Mythologie von Unschuld, die im frühen Kino von John Wayne personifiziert wurde. Pecks Film ist dann am radikalsten, wenn das Abschlachten von amerikanischen Ureinwohnern in Western-"Klassikern" drastischen Bildern von Gewalt an Afroamerikanern durch Polizisten gegenübergestellt wird.

Mit "I Am Not Your Negro" gibt Peck Baldwin posthum das Wort, erinnert an dessen Mahnung, stets zu hinterfragen und sich gegen Missstände aufzulehnen. Seine Studie von Rassismus in den USA ist in ihrer Form außergewöhnlich, in ihrer Erarbeitung höchst intelligent und stellenweise sehr fordernd; sie weiß aufzurütteln, zu berühren und vor allem: zu informieren. Bei den vergangenen Oscars als beste Doku nominiert, bleibt zu hoffen, dass den Film auch jene zu sehen bekommen, die diesen Input am dringendsten brauchen. In Baldwins Worten: "Die Zukunft Amerikas hängt davon ab."

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