Homo Sapiens: Eine Welt ohne Menschen

Dokumentation, A/CH/D 2016

Was bleibt übrig, wenn es uns nicht mehr gibt?

In Nikolaus Geyrhalters (Unser täglich Brot) Doku ist kein einziger Mensch zu sehen, nicht einmal eine Erzählerstimme ist zu vernehmen. Stattdessen werden Stätten verlassener Zivilisation gezeigt, die nach und nach wieder von der Natur zurückerobert werden. Wenn es keine Menschen mehr gibt - was bleibt von uns übrig?

"Homo Sapiens" kann als Apokalypse gelesen werden: So sieht die Welt aus, wenn es den Menschen eine Zeit lang nicht mehr gibt. Gras bricht durch Asphalt, Gebüsch überwölbt Stahl und Beton, ein Militär-LKW im Wald ist unter seiner Haut aus Moos erst auf den zweiten Blick erkennbar. Doch es sind reale Bilder, offenbar aus der ganzen Welt zusammengetragen: morsche Kühltürme, durch deren Öffnungen Tauben herabstürzen und wieder hinausfliegen, Shopping Malls, über deren staubverkrustete Boulevards der Wind Papierschlangen weht.

Überhaupt, der Wind: In vielen Einstellungen ist er der eindringliche Geräuschmacher. Scharniere alter Schließfächer quietschen, Jalousien vergammelter Krankenzimmer knistern im offenen Fenster, er pfeift über verwehte Bunkeranlagen am Meeresstrand. Mitunter regnet es auch und gibt dem auf den ersten Blick statischen Geschehen zusätzliche Tristesse: Es nieselt durch zerborstene Dächer in Büroräume mit umgefallenen Stühlen und zerschlagenen Scheiben von Großraumbüros, in die pompöse Bar eines früheren Hotels, tropft auf die milchig-trübe Oberfläche eines Höhlengewässers, in das sich vom Eingang her ein Müllberg schiebt.

Geyrhalter agiert mit starren Bildtotalen, es gibt im ganzen Film keinen Zoom, keinen Schwenk. Und doch ist das Ergebnis weit mehr als ein Diavortrag ohne Worte: Denn immer bewegt sich etwas, bäumt sich vergilbtes Papier in einer Ecke auf, schlägt Metall an Metall, knattern Flügelschläge. Lange stehen die Bilder und werden nicht langweilig. Der Zuseher sucht die Einordnung: Gehörten die herabhängenden, klirrenden Ketten zu einem Industrie- oder einem Sakralbau?

Dass sich Geyrhalter Zeit lässt, gerne mit dem Kameraauge auf unscheinbaren Details verweilt, die ganze Lebensgeschichten erzählen, hat er schon voriges Jahr bei der Berlinale mit seinem Film "Über die Jahre" erkennen lassen. Wer sich auf das Abenteuer der Endzeitbilder von "Homo Sapiens", die Motive in markantem Licht und harmonischen Farben, einlässt, kann sich von ihnen mehr fesseln lassen als von manch atemlos geschnittenem Spielfilm, denn die Ästhetik des Verlassenen, das Schaurig-Schöne des Morbiden regt die Fantasie an.

Bei welch spannendem Stück mögen sich vor Jahrzehnten die Menschen an manchem Abend gut unterhalten haben, ist man versucht sich angesichts eines Theaterraums vorzustellen, von dem nur mehr bröckelnder Stuck, gewölbte Brüstungen und ein eingerissener Bühnenvorhang übrig geblieben sind? Welche Romanzen mögen sich in der ausgebrannten kreisrunden Diskothek angebahnt haben, auf deren schmutzige Tanzfläche man über verkohlte Mischpulte blickt?

Es ist Spurensuche mit den Augen: Manchmal lässt ein Schriftzeichen den Ort erahnen oder ein Boot mitten in der Landschaft. Es könnte Fukushima genauso sein wie die Gegend des Aralsees. Bilder einer einstigen Ferienstadt am Meer erinnern in ihrer Untergangsstimmung an Hieronymus Bosch: verkrüppelte Bäume, Kinderrutschen, kahle Tischchen, alles weiß überzogen wie mit einem Leichentuch.

Auf Betonruinen im Sandsturm lässt Geyrhalter Betonruinen im Schnee folgen. Und er endet mit einer Metapher, jenem verlassenen Rundbau, mit dem er begonnen hat, einem Amphitheater aus realsozialistischer Zeit. Anfangs hat es über dessen Mosaike geregnet, nun liegt es im Schnee. Nebel und Wind hüllen den Blick auf das Gebäude im Nirgendwo ein, nur die Landschaft bleibt, bis auch sie sich in ein weißes Schlussbild auflöst.

"Homo Sapiens" ist nicht nur ein beeindruckender Streifen, in dem ein einziges Wort schon ein Wort zu viel wäre, weil die Bilder so kräftig sind. Es ist auch ein glänzender Titel: Man sieht und hört vom Menschen nichts, wohl aber die Vergänglichkeit seiner Werke, die er mitunter für die Unvergänglichkeit geschaffen haben mag. Angesichts des traurigen Desasters, das, weltweit in der Natur versinkend, hier Bild für Bild aneinandergereiht wird, stellt sich aber die Frage, wie "sapiens" dieser "homo" tatsächlich ist.

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