High-Rise

Drama, GB/B 2015
Richard Laing - gefangen im Hochhaus

Richard Laing - gefangen im Hochhaus

"Die Menschen sind das Problem", steht bezeichnend im Presseheft von "High-Rise". Von menschlichen Abgründen und zerfallender Zivilisation erzählt der englische Regisseur Ben Wheatley ("Sightseers") in seiner bitterbösen, visuell furiosen Adaption des lange als unverfilmbar geltenden dystopischen Romanklassikers "Hochhaus" von J.G. Ballard.

40 Stockwerke ragt es in die Höhe, das Beton-Hochhaus westlich von London und neue Zuhause von Dr. Richard Laing (Tom Hiddleston). Frisch geschieden, bezieht der Universitätsprofessor ein Luxusappartement in dem Turm, der mit Supermarkt, Fitnessstudio und Schwimmbad wie eine in sich geschlossene Welt anmutet und ausschließlich von Bürgern der Mittel- und Oberschicht bevölkert ist.

Die Hierarchie ist streng, stellt Laing bald fest, und lediglich bei den wilden Partys der geheimnisvollen Charlotte (Sienna Miller) kommt es zu einer Art Durchmischung. Laing selbst hält sich zurück, lässt sich nicht einnehmen: Zwar freundet er sich mit den Bewohnern der unteren Stockwerke an, zeigt sich aber gleichsam fasziniert von der Dekadenz an der Spitze - nicht zuletzt vom Schöpfer und Architekten des Wolkenkratzers selbst, Anthony Royal (Jeremy Irons), der im obersten Stock lebt und sich ebenda sogar ein Pferd hält.

Das Konfliktpotenzial zwischen den beiden Klassen zeigt sich früh. "Das Gebäude muss sich noch einpegeln", wischt Royal die zunehmenden Stromausfälle, die Verstopfung der Müllschächte und den Ausfall der Klimaanlage weg. Doch die Versorgungsprobleme in den unteren Stockwerken häufen sich, ebenso wie die aus Wut resultierenden Gehässigkeiten und Übergriffe. Während sich die Reichen weiter absentieren und in Orgien flüchten, wird unten der Aufstand geprobt - angeführt vom auf Krawall gebürsteten TV-Journalisten Richard Wilder (Luke Evans) aus dem zweiten Stock.

Wheatley verpackt die zunehmende Verwahrlosung des Gebäudes und Verrohung seiner Bewohner in einen fast hypnotisierenden Bilderrausch, unterstützt von einem auf Eskalation hinarbeitenden Elektro-Soundtrack samt Abba-Cover "SOS" von Portishead als skurrilem Highlight. Bis zum Ausbruch der Anarchie sind die Bilder so kühl und beherrscht wie das Verhalten Laings, der mit seinem opportunistischen, bald Richtung Wahn kippenden Verhalten dem Zuschauer nur wenig Identifikationsmöglichkeit bietet.

So fühlt man sich nach einer atmosphärisch vielversprechenden ersten Hälfte bald ein wenig verloren, gefangen zwischen Metaphern auf die Konsumgesellschaft und wuchtigen Bildern von Menschen, deren animalische Triebe immer mehr zum Vorschein kommen. Wheatley ergötzt sich geradezu in Bildern von Gesetzlosen, die töten, vergewaltigen und Tiere verspeisen; lässt in teils platten Dialogen Dinge sagen, die auch zwischen den Zeilen rüberkommen.

Da bleibt nur: Zurücklehnen und zuschauen. Denn visuell sticht "High-Rise" in diesem Kinojahr zweifellos heraus. Das Produktionsdesign im 70er-Jahre-Look mutet zugleich futuristisch und nostalgisch an, und sowohl der charismatische Hauptdarsteller Hiddleston, der sich nach "Thor" oder "The Night Manager" einmal mehr von einer anderen Seite zeigt, als auch Co-Darsteller Luke Evans, Elisabeth Moss und Jeremy Irons hinterlassen Eindruck. Am Schluss dieses so stylishen wie pessimistischen Blicks auf die sehr widerliche Menschheit schwankt die persönliche Einschätzung zwischen Geniestreich und verrücktem Chaos. Und verlangt nach nochmaliger Ansicht.

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