Herbstgold

Dokumentation, A/D 2010
Lebensfreude pur

Lebensfreude pur

In "Herbstgold" porträtiert Jan Tenhaven fünf liebenswerte, ehrgeizige Senioren aus fünf verschiedenen Ländern, die für ihre persönlichen Ziele müde Gelenke, verlorene Lieben und bittere Enttäuschungen beiseiteschieben. Der inspirierende Dokumentarfilm in österreichischer Koproduktion startet am 24. September in unseren Kinos.

"Ich bin ungern Zweiter, ich werde lieber Erster." Alfred Proksch ist Wiener - und 100 Jahre alt. Bei der Senioren-Leichtathletik-Weltmeisterschaft im finnischen Lahti will er die Gold-Medaille im Diskuswerfen gewinnen. Was nicht weiter schwierig ist, immerhin ist er in seiner Altersgruppe "100+" der einzige Kandidat. Doch nicht die Konkurrenz stellt die Gefahr dar, sondern der eigene Körper.

Sie joggen am zwei-Meter-langen Balkon, heben Gewichte in ihrem Fernsehsessel, üben den Kopfstand in einer leeren Turnhalle. Die fünf Protagonisten von "Herbstgold" sind zwischen 82 und 100 Jahren alt - und haben allesamt das Ziel, bei der Leichtathletik-WM der Senioren in Finnland zu glänzen. Die charmante Italienerin Gabre Gabric verrät ihr Alter nicht, schminkt sich stets, bevor sie eine Seniorengruppe in Gymnastik unterrichtet. Bei den internationalen Meisterschaften 1936 hat sie den italienischen Rekord im Diskuswerfen aufgestellt, erzählt sie. Weiter als 37 Meter flog der Diskus damals. Heute sind 13 Meter ihr Ziel.

Sechs Meter weit muss hingegen die Kugel der 84-jährigen Ilse Pleuger fliegen. Sie will damit den Weltrekord im Kugelstoßen in ihrer Altersklasse brechen, seit Jahren nimmt die aus Kiel stammende Rentnerin an der Weltmeisterschaft teil, hat einzelne Konkurrentinnen liebgewonnen. "Aber der Kreis wird immer kleiner", sagt sie, und zählt all jene auf, die von Jahr zu Jahr nicht mehr dabei waren. Ginge es nach der Frau des Tschechen Jiri Soukup, würde dieser auch nicht mehr mitmachen. "Du bist doch auch schon 82", sagt sie ihm dann, "du kannst nicht immer der Held sein."

Für den kauzigen Schweden Herbert Liedtke, 92 Jahre alt, stellt der Sport die einzige Möglichkeit dar, nicht ständig an seine vor kurzem verstorbene Ehefrau Eva zu denken: "Das Laufen in der Natur hilft irgendwie." Und es treibt ihn voran: "Wenn ich jetzt Schluss mache, sterbe ich in einem Monat. Dabei will ich euch doch alle überleben", sagt er und lacht verschmitzt, wie er das so oft macht. Beim Joggen begleitet ihn eine weitere Seniorin, "mit ihr ins Bett legen" würde er sich aber nicht, "bei mir gibt es schon seit fünf Jahren keine sexuelle Aktivität mehr".

Eine Chance, die der 100-jähriger Alfred vermutlich nicht auslassen würde, denn sein "Verhältnis zu Frauen war immer sexuell bedingt". Dem ehemaligen Grafiker, der in seiner Wohnung regelmäßig junge Nacktmodelle malt, geht es jedoch im Laufe der Dreharbeiten immer schlechter, "mein Knie gibt regelmäßig nach". Aber am Weg zur Startnummer, die er bei der WM auf die Brust geheftet bekommt, lässt er sich schon mal ein neues Knie machen, um es "allen zu beweisen".

In seinem ersten Kino-Dokumentarfilm zeigt der deutsche Regisseur Jan Tenhaven sympathische Pensionisten abseits üblicher Themen wie Vergangenheitsbewältigung und Altersschwäche, fokussiert sich auf die Gegenwart, auf die Lebensfreude. Ein Film als "Ode an die Freude und an den anarchistischen Trotz", so Tenhaven, "der eigenen Vergänglichkeit mit einer sturen Jetzt-erst-recht-Haltung zu begegnen."

In drei Akten zeichnet er in großartigen, gut durchdachten Bildern und mit perfekt eingesetzter, musikalischer Untermalung das Porträt der Protagonisten. Zuerst sehen wir sie bei ihrem mühsamen Trainingsbeginn, besuchen sie dann zu Hause, machen uns ein Bild über ihr Leben, und begleiten sie schließlich bis nach Finnland. Dort weichen Ehrgeiz und Freude der Furcht vor den Konkurrenten, und der oft schon kindlich trotzigen Eifersucht. Am Ende des Films wird jeder Kinobesucher seinen Favoriten unter den vielseitigen, inspirierenden Senioren haben - aber lieben wird er sie alle.

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