Havanna - Die neue Kunst, Ruinen zu bauen

Film vom Leben in den Ruinen Havannas

Film vom Leben in den Ruinen Havannas

Im Morbiden liegt Schönheit. Jeder Besucher Venedigs weiß das, und auch jeder, der einmal nach Havanna kommt. Die kubanische Hauptstadt ist prachtvoll in ihrem Verfall - und zugleich schrecklich. Thomas Mann hätte seine Novelle "Tod in Venedig" auch nach Havanna verlegen können, sagt der Schriftsteller Antonio Jose Ponte. Er gehört zu den fünf Protagonisten des Films "Havanna - Die neue Kunst, Ruinen zu bauen" von Florian Borchmeyer und Matthias Hentschler.

Nicht von ungefähr werden des Dichters Worte von Musik aus der 5. Symphonie Gustav Mahlers begleitet, jene Klänge, die Viscontis Film "Tod in Venedig" noch eindrucksvoller werden ließen. Dieser Film ist ganz anders, die Handlung reduziert auf das Thema Leben in Ruinen. Die Bilder Havannas wechseln von Schwarz-Weiß zu Bunt, von der Zeit vor der Revolution zur Ära danach, von Blüte zu Zerfall, von einem zum nächsten Menschen, von Mahler und Schubert zu kubanischer Musik - nicht unbedingt die mitreißenden Rhythmen aus Wim Wenders "Buena Vista Social Club", aber karibisch genug, um Lebensfreude auszudrücken. Und wieder zurück. Dabei dreht sich alles um Vergänglichkeit - die der kolonialen Prachtbauten der Hauptstadt und die menschliche. Da der Film aus Sicht der kubanischen Behörden ein inakzeptables Bild des Landes entwerfe, durfte der Streifen in Kuba nicht gezeigt werden.

Fünf Menschen aus Havanna erzählen über ihr Leben in Gebäuden, die vom Einsturz bedroht sind: Ponte, der Schriftsteller, hat eine "Philosophie der Ruine" entwickelt. Nur so kann er das politische System und seine bedrohte Existenz in dem maroden Haus ertragen: Staatschef Fidel Castro spricht seit seiner Machtübernahme von einer drohenden Invasion der Amerikaner. Er musste die Häuser so verfallen lassen, damit es so aussieht, als ob die Invasion tatsächlich stattgefunden hat, fabuliert Ponte. Klempner Totico Fernandez flüchtet aus dem Inferno seiner Mietskaserne aufs Dach und züchtet Tauben. Als seine Frau ihm ein Ultimatum stellt - "die Tauben oder ich" - entscheidet er sich für die Tiere.

Die frühere Millionärsgattin Misleidys hat ihr Leben mit Drogen zerstört und wohnt nun im Schutthaufen eines ehemaligen Luxushotels, wo sie von der glanzvollen Vergangenheit träumt. Reinaldo, ein Obdachloser, hat eine Theaterruine zu seiner Heimstatt und ganz persönlichen Bühne erkoren. Am anrührendsten vielleicht die Geschichte des enteigneten Großgrundbesitzers Nicanor del Campo, der seit einem halben Jahrhundert versucht, in seiner eingeengten Welt so zu leben, als ob die Revolution nie stattgefunden hätte. Der alte Mann, der kaum noch laufen kann, wehrt sich mit großer innerer Kraft gegen den Verfall.

Alle warten darauf, dass ihnen eines Tages das Dach über dem Kopf einstürzt. Die Ruinen, in denen sie leben, sind von besonderer Schönheit, ja Poesie. Prosaisch hingegen sind das Leid, die Gefahr, der Schmerz, die mit der Existenz in den Trümmern einhergehen. "Havanna - Die neue Kunst, Ruinen zu bauen" ist ein großartiger Film, der den Zuschauer eineinhalb Stunden lang fordert. Nicht etwa der deutschen Untertitel wegen, sondern weil das Verständnis der menschlichen Schicksale die ganze Aufmerksamkeit verlangt.

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