Hacksaw Ridge - Die Entscheidung: Das Comeback des Mel Gibson

Drama/Kriegsfilm, AUS/USA 2016

Doss zieht in den Krieg, verweigert aber den Dienst an der Waffe

Mit dem tiefgängigen Kriegsdrama Hacksaw Ridge meldet sich der Star als Regisseur zurück. Vielleicht als Schauspieler auch bald wieder?

Sollte das turbulente Leben von Mel Columcille Gerard Gibson irgendwann von Hollywood als großes Biopic auf die Leinwand gebracht werden, würde wohl der Abend des 4. September 2016 bei den Filmfestspielen von Venedig dramaturgisches Herzstück und emotionaler Höhepunkt sein: Da steht der einstige Superstar aller schauspielerischen Genres und zweifache Oscar-Preisträger (allerdings als Regisseur und Produzent), im wahren Leben kleiner als in seinen Filmen, mit einem Rauschebart wie Rübezahl und tiefen Falten, die ihn keinen Tag jünger aussehen lassen als die bald 61 Jahre, die er zählt.

Nur seine berühmten blauen Augen sprühen Funken der Freude, als wäre er 20. Und wahrscheinlich rinnt auch die eine oder andere Träne. Denn Gibson steht an diesem Abend in einem schier endlosen Applausstrom, wird zehn Minuten lang vom tosenden Wohlwollen des Publikums am Lido umspült, obwohl sein Film Hacksaw Ridge außer Konkurrenz läuft. In diesem Moment ist klar: auch wenn die 73. Mostra Internazionale d'Arte Cinematografica wenig mit den Vorstandsetagen von Hollywood zu tun hat - hier wurde einem einstigen Sünder, der für seine Verfehlungen zehn Jahre lang in die knochentrockene Wüste von Ablehnung, Ausgrenzung und Ignoranz verbannt worden war, endlich verziehen.

RMel Gibson taumelt privat zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt. Er liebt seine sieben Kinder, aber die Ehe mit seiner Frau Robyn ist am Ende. Eine Scheidung würde ihm nicht nur finanziell die Luft abdrehen, sie ist auch aufgrund seiner strengen, für viele fast schon reaktionären Glaubensgrundsätze schwierig. Die waren bis vor kurzem nur in Insiderkreisen und in manchen Tabloids heiß diskutiertes Th ema, aber seit er 2004 mit Die Passion Christi sein öffentliches Glaubensbekenntnis in Alt-Aramäisch abgelegt hat, ist Hollywood auf Abstand gegangen. Immerhin hat er mit dem umstrittenen Film so viel Geld verdient (612 Millionen Dollar Einspiel weltweit, das Zwanzigfache seiner Produktionskosten), dass er sich eine eigene Pazifikinsel kaufen konnte. Und er hat - was der Grund für himmelhoch jauchzend ist - eine neue Freundin: Die heute in der Versenkung verschwundene russische "Popsängerin" Oksana Grigorieva verdreht dem alternden Star völlig den Kopf.

Doch der Absturz ist tief, hart und vernichtend. Gibson, der schon eine Dekade zuvor ein massives Alkoholproblem hatte - möglicherweise seine irischen Gene, wie er einmal in einer Talkshow lachend meinte - und dieses nur mühsam wieder unter Kontrolle brachte, wird rückfällig.
Das russische Starlet mit einem zielsicheren Instinkt für Schmuck und schöne Kleider wird von ihm schwanger, setzt ihn unter Druck. Gibson rastet mehrmals aus, wird betrunken hinter dem Steuer erwischt und bläst in seinem Zorn dumme, auch antisemitische Statements in die Welt. Das isoliert ihn in Hollywood noch mehr. Beim Publikum ist er unten durch, als er mit Oksana am Telefon einen mörderischen Streit hat und in dessen Verlauf ungünstige Dinge sagt, die einem nüchternen Gentleman nie über die Lippen kämen.

Leider erweist sich die Russin als heimtückisch und zeichnet das Gespräch illegal auf; es landet im Netz. Millionen Menschen hören ihr Idol unflätig toben, brüllen und schimpfen - und plötzlich ist Mel Gibson der einsamste Ex-Star der Welt. Jahrelang lebt er abseits der Scheinwerfer, nur ausgesuchte Freunde wie Jodie Foster halten weiterhin zu ihm. 2010 und 2011 gibt es mit den Kleinproduktionen Auftrag Rache und Der Biber zaghafte Comeback-Versuche, die aber scheitern. Keiner will Mel Gibson im Kino sehen.

Also macht der einstige Actionstar eine Tugend aus der Not und probiert es mit Rollen als Schurke bzw. als schuldbeladener Veteran. The Expendables 3 mit Gibson als Bösewicht floppt, aber aus anderen Gründen (vorab in HD-Qualität im Internet), Blood Father kommt teilweise nicht mal ins Kino, ist immerhin ein Zeugnis der mittlerweile gewonnenen Reife.

Hinter den Kulissen hat Gibson aber stets als Filmemacher weitergearbeitet und Stoffe entwickelt. Lange brütet er über einem Wikinger-Epos, ähnlich wuchtig wie seine letzte Regiearbeit Apocalypto, die Kritiker noch großartig fanden, die aber beim Publikum eher durchfiel. Und dann drehte er ohne große mediale Aufmerksamkeit Hacksaw Ridge, die wahre Geschichte des heldenhaften Pazifisten Desmond Doss im Pazifikkrieg. Und plötzlich ist zumindest der Regisseur Mel Gibson wieder eine verdammt heiße Aktie - am Lido, in Hollywood und beim Publikum. Vielleicht bald auch wieder als Star ...

Darum geht es in ‚Hacksaw Ridge - Die Entscheidung‘:

Seit er bei einer Rauferei als Kind seinen Bruder fast getötet hat, aufgrund seiner streng religiösen Erziehung und nach einem Vorfall mit seinem betrunkenen Vater (Hugo Weaving) lehnt Desmond Doss (Andrew Garfield) Gewalt völlig ab. Dennoch will er seinen Mann stehen, als er in den Zweiten Weltkrieg einberufen wird - allerdings als Sanitäter, ohne eine Waffe anzugreifen. Seine Kameraden und Vorgesetzten, allen voran der knochenharte Sergeant Howell (Vince Vaughn), hassen den Risikofaktor, auf den man sich mangels Waffe nie verlassen wird können, wenn die Japaner angreifen. Doch der flinke Doss erträgt alle Schikanen und nächtlichen Prügel. Als er mit seiner Einheit erstmals auf einer japanisch besetzten Insel und damit mitten in der Hölle landet, erweist er sich als Segen für alle. Vollgepumpt mit Adrenalin und Gottesvertrauen stürzt sich Doss ins Feindfeuer und trägt mit bloßen Händen einen verwundeten Mann nach dem anderen heraus ...

Unsere Meinung zu ‚Hacksaw Ridge - Die Entscheidung‘:

Das Leben des Kriegsdienstverweigerers, der die höchste US-Tapferkeitsauszeichnung Medal of Honor bekam, ohne je einen Schuss abgefeuert zu haben, lässt Mel Gibson als Regisseur zur Höchstform auflaufen. Aus dem Spannungsfeld zwischen dem konsequenten Pazifismus Doss' auf der einen Seite und der Brutalität des Pazifikkrieges andererseits (da muss man es als Publikum ertragen, wenn ein GI eine halbverweste japanische Soldatenleiche als Schutzschild benutzt, um die feindliche Stellung zu stürmen) schöpft das exzellent inszenierte und gespielte Drama große Kraft, die man aber aushalten muss. Eine wahre Geschichte – blutig, beinhart und beeindruckend!

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