God's Own Country

Drama/Romanze, GB 2017

Eine zarte Liebe in rauer Umgebung

Was mit der Oscar-Krönung von "Moonlight" begann, sollte sich als starkes Jahr für das LGBTQ-Kino herausstellen. Auf preisgekrönte Filme wie "Call Me By Your Name", "Eine fantastische Frau" oder auch "Beach Rats" und "120 BPM" - beide bei der Viennale zu sehen - folgt ein Werk, das ebenfalls die volle Aufmerksamkeit verdient: "God's Own Country".

In den so kargen wie idyllischen Pennine Hills im Norden Englands schuftet der Jungbauer Johnny Saxby (Josh O'Connor) auf einer abgeschiedenen Schafsfarm. Nach dem Schlaganfall seines Vaters (Ian Hart) kommt dem ohnehin isolierten, überarbeiteten Mittzwanziger noch mehr Verantwortung zu. Recht machen kann er es dabei weder dem forschen Vater noch der stoischen Großmutter (Gemma Jones). Man wechselt kaum - und wenn, dann vorwurfsvolle - Worte. Seinen Frust betäubt Johnny Nacht für Nacht mit Bier im örtlichen Pub und mit bedeutungslosem Sex mit fremden Männern.

Als der gleichaltrige rumänische Gastarbeiter Gheorghe (Alec Secareanu) zur Unterstützung in der Lamm-Saison geholt wird, reagiert Johnny zunächst feindselig. Doch mit jedem Tag, den die beiden miteinander verbringen, und mit jedem Lamm, dem Gheorghe mit viel Gefühl auf die Welt hilft, keimen in Johnny Gefühle auf, die er bisher nie hatte. Ein Einsatz in den Hochmooren schließlich bringt die Männer einander näher - und Johnny die Chance auf eine vielleicht doch glückliche Zukunft. Doch wer sich sein Leben lang verschlossen hat, öffnet sich nicht von einem Tag auf den anderen. Und Gheorghes Zeit auf der Farm ist begrenzt...

Regisseur und Drehbuchautor Francis Lee hat sein kraftvolles, naturalistisch gehaltenes Regiedebüt in seiner eigenen Heimat gedreht. "God's Own Country" - das ist die Umschreibung der Einheimischen für jene archaische Landschaft West Yorkshires, in der Lee selbst als Bauernsohn aufgewachsen ist. Die natürliche Schönheit und zugleich Härte dieser Region wird visuell eindrücklich eingefangen, und ist zugleich Spiegel für die Gefühlslage Johnnys, der Einsamkeit und raue Sitten gewohnt ist.

Empathische Hommage an die Region und ihre Farmer einerseits, ist "God's Own Country" allen voran die große Geschichte einer ersten, intensiven Liebe. Anders als in vielen Coming-out-Filmen liegt die Problematik hier nicht in der Homosexualität des Protagonisten, sondern im Zulassen von Intimität. Diese hat man selten so unmittelbar und einnehmend umgesetzt gesehen wie hier - und das beschränkt sich nicht auf die teils expliziten, auch einmal im Schlamm oder Heu inszenierten Sexszenen.

Kameramann Joshua James Richards ist so nah an Johnny und Gheorghe dran, dass er nicht nur flüchtige Blicke und Gesten, sondern auch die dezente Veränderung in der Art, wie sie sich berühren und begegnen, einfängt. Hinzu kommt Lees Liebe für subtile Details auf Bild- und Tonebene, die erst beim wiederholten Sehen auffällt: So bringt Gheorghe goldenes Licht und eine ganz eigene Geräuschkulisse samt speziellem Vogelgesang in das sonst bläuliche, kühle Setting ein.

Dass all das eine derartige Sogwirkung erzeugt, ist auch den beiden Schauspielern zuzuschreiben, die eine an Worten arme und an Nuancen reiche Darstellung abliefern. Der fast schon schmerzhaft gut aussehende rumänische Schauspieler Alec Secareanu legt Sanftmut und Reflexion in beinahe alles, was er tut - sei es gegenüber Menschen oder Tieren. (Wie er ein scheinbar totgeborenes Lamm auf die Welt "zurück" holt, ist eines der Highlights des Films). Josh O'Connor wiederum ist die sexuelle wie emotionale Erweckung seiner Figur physisch anzumerken.

Man kann es kaum erwarten, künftig mehr von diesen beiden Talenten, vor allem aber vom Spätberufenen Francis Lee (48) zu sehen. Dem oft gemachten Vergleich mit einer legendären schwulen Cowboy-Romanze jedenfalls hält der in Sundance verdient mit dem Regiepreis ausgezeichnete Film stand: Das "'Brokeback Mountain' von Yorkshire", es fällt sogar authentischer, sinnlicher und vor allem hoffnungsloser als Ang Lees Meisterwerk aus.

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