Girl on the Train – Emily Blunt im Delirium

Thriller, USA 2016

Was hat Rachel gesehen?

Emily Blunt glänzt als Trinkerin in einem düsteren, gut besetzten Thriller, der langsam fährt wie auf Schienen - was der Spannung nicht unbedingt weiterhilft.

Jeden Tag fährt Rachel (Emily Blunt) mit dem Zug von ihrer eher tristen Vorortbehausung hinein nach New York - eine der zahllosen Bahnlinien, die täglich Zehntausende Pendler von den Speckgürtelsiedlungen in den Big Apple transportiert. In der Früh fährt sie in die große Stadt, am Abend zurück.

Aber sie arbeitet nicht in Manhattan, wie all ihre Mitpassagiere. Rachel ist Alkoholikerin im Kampf mit sich selbst und der Flasche, die sie manchmal mitschleppt. Sie ist arbeitslos, kleine Jobs hat sie bald vergeigt. Sie macht diese Tour, um ihren Tagen Struktur zu geben, sich selbst Normalität vorzugaukeln. Und um einerseits an ihrer Vergangenheit, andererseits an einem Sehnsuchtsort vorbeizufahren: Sie kommt an jenem Vorort vorbei, in dem sie einst mit ihrem Mann, ihrer Lebensliebe Tom (Jennifer Aniston-Lebensabschnittsgefährte Justin Theroux) lebte. Der hat sie wegen ihrer Trinkerei verlassen und wohnt immer noch hier - zusammen mit seiner neuen Frau Anna (Rebecca Ferguson, die letztes Jahr mit Tom Cruise in ‚Mission: Impossible - Rogue Nation‘ über die Dächer der Wiener Staatsoper turnte) samt Baby. Ein Dorn in ihrer Seele, der nicht zu schmerzen aufhört. Linderung gibt es beim zweiten Fixpunkt der Tour/Retour-Reise. Einige Häuser weiter nämlich bleibt der Zug regelmäßig stehen und sie hat Einblick ins Heim von Scott (Luke Evans) und Megan (Haley Bennett). Sie kennt das Paar zwar nicht, aber die Momente, die sie täglich beobachtet, entzünden in ihr eine tiefe Sehnsucht und ihre Fantasie, eventuell auch Teil dieses perfekten Lebens sein zu können. Ein ästhetisches Leben mit Respekt, freundlichen Gesprächen, liebevollen Gesten und dosiertem Genuss. All das, was ihr derzeit fehlt.

Auf der Suche nach der Wahrheit

Umso bestürzter ist Rachel, als sie eines Tages im Vorbeifahren sieht, dass die schöne Megan mit einem fremden Mann ungebührlich innig am Balkon sitzt. Das perfekte Leben der anderen hat plötzlich Risse und dunkle Seiten. An diesem Abend hat sie ein völliges Blackout; als sie am nächsten Tag völlig verkatert aufwacht, tut ihr der Kopf nicht nur vom Alkohol weh. Sie ist völlig zerschrammt, hat blaue Flecken und Wunden, aber keine Ahnung, wo die herkommen könnten. Noch größer ist ihr Schrecken, als sie im Fernsehen eine Meldung sieht: Megan ist verschwunden, am selben Tag, als sie den fremden Herrenbesuch hatte. Sie beschließt, einmal etwas Wichtiges zu tun und sich auf die Suche nach der verschwundenen Frau zu begeben

Bestseller-Verfilmung mit Hindernissen

Als die Autorin Paula Hawkins im Vorjahr ihren Thriller The Girl on the Train herausbrachte (der so einschlug, dass die Filmrechte quasi noch druckfrisch an Amblin Entertainment/DreamWorks verkauft werden konnten), stand sie von der ersten Minute an vor einem Problem, hoch wie der Kilimandscharo: Leser und Kritiker verglichen das Buch automatisch mit ‚Gone Girl - Das perfekte Opfer‘ von Gillian Flynn. Kein sehr angenehmer Vergleich, gegen den sich Hawkins auch mit Händen und Füßen wehrte. Denn ‚The Girl on the Train‘ (warum die "deutsche" Titelversion auch Girl on the Train heißt, wissen die Götter) ist zwar ein auf den meisten Ebenen (Sprache, Stil, Story, Figuren etc.) solider Spannungsroman - aber ‚Gone Girl‘ spielt eindeutig eine Liga höher. Und das gilt auch für die Verfilmung. Regisseur Tate Taylor (‚The Help‘) ist zwar ein fescher Bursch und könnte locker vor der eigenen Kamera bestehen, aber David Fincher ist er halt keiner. Dieser hat aus seiner Romanvorlage durch Überraschungsmomente und Überzeichnungen 110 Prozent gemacht, während Taylor seine Sache sehr, fast zu gemächlich angeht. Puristen, die das Buch kennen, stoßen sich auch daran, dass die Handlung aus England an die US-Ostküste transferiert wurde. Das klingt kleinlich, aber bei der Kombi London - Eisenbahn - Vororte - Beobachtungen fallen jedem sofort Hitchcock und Miss Marple ein. Das hat eine ganz besondere, gelernte Stimmung, die auch dem Roman geholfen hat. New York und Vorortezug, da sind die Assoziationen zwar auch da (‚Derailed‘), aber eindeutig schwächer. Und auch sonst rollt die Handlung gemächlich in Richtung der einen, großen und unbedingt nötigen Wendung - und dann weiter hinein in ein Finale, das man an guten Tagen als originell, an schlechteren als unglaubwürdig und an miesen als lächerlich bezeichnen würde. Nix auszusetzen gibt es an den Leistungen der Schauspieler. Emily Blunt hat sich ihr tragisches Gesicht aus ‚Sicario‘ und ‚The Huntsman: Winter's War‘ gut aufgehoben. Fazit: Ein routinierter, düsterer Thriller, der dem Hype im Vorfeld nicht ganz gerecht wird, aber okay ist.

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