Gangster Girls

Dokumentation, A 2008
Ungewöhnliche Dokumentation

Ungewöhnliche Dokumentation

Lange, farblose Gänge und zufallende Türen, gepixelte Gesichter und erklärende Zahlen, Daten und Fakten - so stellt man sich gemeinhin eine Gefängnis-Dokumentation vor. In Tina Leischs Doku "Gangster Girls" gibt es nichts davon. Keine Erzählerstimme, keine Informationen, keinen scheinbaren Alltag - und vor allem: keine Distanz. Da sind nur die Frauen und die Kamera. Ihre Geschichten.

Entstanden war die Idee zum Film durch einen gemeinsamen Theaterworkshop in den Gefängnissen Schwarzau und Gerasdorf, in dessen Rahmen die "Medea" erarbeitet und aufgeführt wurde. Mit Improvisationen aus dem Gefängnisalltag, mit nachgespielten Szenen, von den Frauen selbst eingebracht, hatte man sich dem antiken Stoff angenähert. Im Film werden diese Improvisationen zur genuinen Quelle über den sozialen Lebensraum hinter Gittern. Was anderes, als Streit über Kleidungsstücke oder Shampoo kann dabei herauskommen, wenn drei Frauen sich eine Zelle teilen? Was anderes, als Verschwesterung und Ausgrenzung, als Gerüchteküche und Eifersüchteleien?

"Ich will sie nicht küssen." Jason bricht die Probe ab. Er habe gehört, Medea hätte Aids. Eine Infizierte hätte ihr Drogen besorgt. "Ich weiß jetzt, dass alles okay ist", sagt Medea. Sie habe sich nicht angesteckt, absichtlich habe man ihr dieses Gerücht angehängt. Abseits der Improvisationsbühne kommen sie zu Wort, Face-To-Face mit der Kamera, Medea beim Palatschinken-Falten. Die Gesichter sind nicht verschwommen, nicht gepixelt, nicht von schwarzen Balken verunziert, sondern zur Unkenntlichkeit verziert. Deckend geschminkt, in weiß-grau-schwarz, leuchtend wie für den Karneval. Traurige Clowns, gespenstische Diven, wunderschöne gefallene Engel.

"Gefängnisdokus sagen nie die Wahrheit. Es ist immer eine Konstruktion, das wollte ich auch sichtbar machen", erklärte Leisch gegenüber der APA. Sie habe den Frauen die Macht geben wollen, sich selbst zu präsentieren, ihren Alltag auf die Bühne, ihre Geschichte in ihre eigenen Worte zu bringen - ohne scheinbar objektivierenden Kommentar.

Sie erzählen von sich als Täterinnen, von Einbruch, Kartenbetrug, Raub, von Raub, der zu versuchtem Mord wurde. Sie erzählen vom Ausgang, von der langersehnten Rückkehr nach Hause, den Schlägen betrunkener Väter und dem schnellen Rückfall. Sie erzählen vom verlorenen Koffer am Wiener Flughafen und den Polizisten, die ihnen bei der Suche halfen und die Drogen fanden. Sie erzählen von sechs Monaten Haftverlängerung, weil sie die Zellengenossin mit kochendem Wasser überschüttet haben. Sie erzählen von Vergewaltigung in der Kindheit und von der Überdosis der besten Freunde. Eine Geschichte gibt es immer.

Tina Leisch hat aus den Theaterworkshops und aus den Gesprächen eine eindringliche Collage des Menschlichen zusammengesetzt. Hat hinter juridische Termini, kriminalistische Sensationslust und auch hinter eine mitleidheischende Sozialstudie geblickt und ihre "Gangster Girls" ganz nahe an die Kamera geholt. Fast schmerzhaft nahe. Es ist zu hoffen, dass den Protagonistinnen ihr bewundernswerter Mut nicht selbst zu schmerzhaft wird.

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