Feuchtgebiete

D 2013
Die pure Exploration

Die pure Exploration

Masturbation, Intimrasur und Hämorrhoiden: Der explizite Stoff, mit dem die deutsche Moderatorin Charlotte Roche 2008 schlagartig zur Skandal- und Bestseller-Autorin zugleich wurde, schien kaum verfilmbar. Nun schafft es "Feuchtgebiete" unter der Regie von David Wnendt ("Kriegerin") als amüsantes und provokatives Feuerwerk zwischen Ekel, Tiefgang und jugendlichem Charme doch auf die Leinwand.

Bei Helen Memel (Juri) wird Hygiene kleingeschrieben, Hämorrhoiden sind seit jeher ihre ständigen Begleiter. Das ist aber noch nichts gegen die schmerzhafte Analfissur, die sie sich bei der verhassten - und wieder mal viel zu schnell angelegten - Intimrasur zugezogen hat. Ihren Krankenhausaufenthalt nutzt Helen zur Reminiszenz vergangener sexueller Abenteuer und körperlicher Experimente, auch zum Flirt mit Pfleger Robin (Christoph Letkowski) und für den Masterplan, ihre Eltern an ihrem Krankenbett wieder zusammen zu bringen. Denn hinter Masturbation mit Avocado-Kernen, Periodenblut-Ritualen mit Freundin Corinna (Marlen Kruse) und der Besessenheit mit ihrer Analwunde steckt in Helen am Ende doch nur ein Scheidungskind, das sich eine intakte Familie wünscht.

Das Scheidungstrauma ist es, das Regisseur David Wnendt mit Co-Autor Claus Falkenberg im Drehbuch verstärkt ausgearbeitet hat. Sehr in Roches Sinne, habe man als Zuseher dadurch jetzt "viel mehr Verständnis für Helen und ihren psychischen Schmerz", wie sie im APA-Interview erzählt. "Was Bessers kann ja gar nicht passieren!" So erklären die Hygiene-Besessenheit der neurotischen Mutter (Meret Becker) und die Freizügigkeit des Playboy-Vaters (Axel Milberg) manch ekelerregende Ausschweifung. Der innere Monolog der Romanfigur wird zu diesem Zweck zu einer Chronik von Drogen- und Sexeskapaden, körperlichen Experimenten sowie Rückblenden in eine herausfordernde Kindheit verwoben.

"Wenn man Schwänze, Sperma und andere Körperflüssigkeiten ekelhaft findet, kann man es mit dem Sex auch direkt bleiben lassen", sagt Helen einmal. Der Film kann hier Abhilfe schaffen: Was sich bei Roches Debütroman in der Fantasie der Leser gar ekelhaft und unerträglich abgespielt hat, kommt auf der Leinwand leichter und unterhaltsamer daher. Wie auch in Helens Wahrnehmung mal Traum und Realität verschwimmen, wächst auf der Leinwand eine Avocado-Pflanze aus ihrer Vagina, tanzt Sperma im Donauwalzer-Takt und fährt die Kamera in der Eingangsszene durch Hämorrhoiden ins Körperinnere in eine fantastische Bakterienwelt. So gelingt es Wnendt spielerisch, uns Helens Welt klischeefrei und mit poppigem Soundtrack und knalligen Farben näherzubringen und über Ekel-Momente hinwegzutrösten.

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