Einmal mehr als nur reden

Dokumentation, A 2010
Revolution in Mittelamerika

Revolution in Mittelamerika

"Wer mit 20 kein Revolutionär ist, hat kein Herz. Wer mit 30 noch Revolutionär ist, hat kein Hirn." Ein Spruch, der in vielen Varianten existiert, und der im Wesentlichen Thema der Doku "Einmal mehr als nur reden" ist. Darin spricht Regisseurin Anna Katharina Wohlgenannt mit Menschen, die im Februar 1984 dem Solidaritätsaufruf der sandinistischen Revolutionsbewegung in Nicaragua folgten.

Sie reisten in den Süden des Landes, um mitten im Urwald ein Gemeindezentrum zu bauen. Es ist jene Bewegung, die 1979 die Somoza-Diktatur besiegte: die sandinistische Revolution. Doch die gerät Ende 1983 ins Wanken: Die USA will einen Guerillakrieg der Contrags gegen die sandinistische Regierung unterstützen, sich einmischen. Ein "Hilferuf" der Regierung folgt, die Sandinisten wenden sich an die internationale Solidarität. Und 50 Österreicher reisen als Arbeitsbrigade "Februar '34", in Anlehnung an den österreichischen Bürgerkrieg 1934, nach Nicaragua. Spontan, furchtlos, gemeinschaftlich.

Zwei Teilnehmer der Brigade, Helmut Stockhammer und Ilse Stockhammer-Wagner, halten in ihrem privaten Film "Sandino Vive" die Geschehnisse fest, dokumentieren den Bau. Katharina Wohlgenannt stützte ihre Recherche und Interviews auf diese Aufnahmen, verbindet sie mit Gesprächsausschnitten. Sie hat die Teilnehmer von damals ausfindig gemacht, immerhin 14 konnte sie für ihren Film gewinnen. Sie fragt nach Beweggründen, Folgen und Gedanken der Brigadeteilnehmer. Interessant dabei ist vor allem die Zusammensetzung der Brigade: Mitglieder der katholischen Jugend stürzten sich ebenso ins Abenteuer wie Alternative, Gewerkschafter und "Hardliner mit altkommunistischen Gedanken", wie eine Protagonistin sagt. Einige von ihnen haben ihre damalige politische Einstellung in die Gegenwart übertragen, sie adaptiert. Andere haben sie komplett abgelegt, sehen ihren Aktionismus damals als "Ausleben in der Jugend".

So unterschiedlich die einzelnen Protagonisten sind, sie alle sind sich heute darüber einig, dass bei ihrer damaligen Entscheidung, nach Nicaragua zu reisen, vor allem Naivität mitgespielt hat. Einige gehen äußerst kritisch an die Ereignisse von damals heran; so erzählt eine Protagonistin, dass "das ständige Anstoßen auf die Revolution" immer "eine bisserl zweischneidige Sache" gewesen war. "Wir dachten, wir wissen wie die Welt läuft und müssen es den armen Menschen erklären", erzählt eine Andere. Sie seien mit der Einstellung hingereist, man könne instinktiv zwischen Gut und Böse unterscheiden - "dabei war das alles viel komplexer". Kritische Einblicke wie dieser sind interessante Momente, die jedoch schnell verfliegen.

Anders, als der Titel sagt, wird in dem Film der jungen Wiener Regisseurin, der auch schon auf der Diagonale zu sehen war, sehr viel geredet. Einige Fragen bleiben trotzdem offen: Wie sich das Leben der ehemaligen Brigadeteilnehmer nach ihrer Rückkehr gestaltet hat, wird kaum behandelt, nur zwei Protagonistinnen erzählen von ihrem politischen Engagement, das auf die ungewöhnliche Erfahrung folgte. Eine Rekonstruktion der damaligen Ereignisse darf man sich bei diesem Film nicht erwarten, zu widersprüchlich sind die Eindrücke; die einzelnen Erinnerungsfetzen schaffen kein Gesamtbild.

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