Einfach das Ende der Welt

Drama, CDN/F 2016

Louis will seiner Familie sagen, dass er nicht mehr lange zu leben hat

Gerade jetzt zur Weihnachtszeit kennen viele Menschen dieses Szenario: Die gesamte Familie kommt nach langer Zeit wieder einmal zusammen, doch wirklich rund läuft es nicht. Stattdessen brechen alte Konflikte und Streitereien wieder auf. Eine ähnliche Geschichte - wenn auch nicht zur Weihnachtszeit - greift nun Xavier Dolan in dem beklemmenden Familiendrama "Einfach das Ende der Welt" auf.

Auch hier kommt die Familie nach langer Zeit wieder zusammen: Zwölf Jahre lang war Louis nicht zu Hause. Kein Wunder, dass seine Mutter in heller Aufregung ist, als er sich nun endlich für einen Besuch anmeldet. Auch seine Schwester, sein Bruder und dessen Ehefrau sind dabei, als Louis mit dem Taxi vorfährt.

Die Zuschauer wissen früh, dass Louis eine traurige Nachricht hat - der junge Mann wird bald sterben. Er zögert aber, es seiner Familie mitzuteilen, und so legt sich schnell eine gedrückte Stimmung über den Film, selbst in den ersten Momenten der freudigen Begrüßung.

Es ist allerdings nicht nur dieses Wissen, das "Einfach das Ende der Welt" zu einem melancholischen Drama macht. Auch sonst tut es weh, dieser dysfunktionalen Familie zuzuschauen. Wie der Bruder Louis von Anfang an argwöhnisch aus dem Wohnzimmerhintergrund beäugt. Wie die Mutter sich krampfhaft bemüht, Sticheleien ihrer Kinder wegzulächeln, damit dieser Tag auch so schön wird, wie sie es sich erhofft hat.

Doch ganz so einfach ist es natürlich nicht. Die Familienmitglieder sind einander fremd geworden, sie leben alle sehr unterschiedliche Leben: Louis mit seinem schwulen Partner in der Stadt, die anderen seit Jahrzehnten in derselben Provinz.

Einmal mehr fokussiert der kanadische Regisseur Xavier Dolan mit "Einfach das Ende der Welt" auf die Abgründe innerhalb einer Familie. Und wie schon in seinem Debüt "I killed my mother" oder dem gefeierten "Mommy" berührt dabei besonders die Beziehung zwischen der Mutter und ihrem Sohn, die auch hier wieder eine eigentlich recht enge ist.

Trotzdem gelingt Dolan nicht die Intensität seiner früheren Werke. Dafür gibt es dieses Mal zu viele Einzelkonflikte, die jede Figur mit den anderen austrägt. Möglicherweise liegt das auch an der Theatervorlage, immerhin wirkt der gesamte Film über weite Strecken wie eine etwas überzeichnete und forcierte Inszenierung auf einer Bühne. Wirklich nah kommt man den Familienmitgliedern daher nicht, sondern bleibt ähnlich wie der zurückhaltende Louis eher ein Beobachter aus der Ferne.

Getragen wird diese kammerspielartige Tour de Force allerdings von den Hauptdarstellern: Léa Seydoux gibt die jüngere, verlorene Schwester, Nathalie Baye die einsame Mutter. Eine ungeheure, körperlich fast schon beängstigende Präsenz strahlt auch Vincent Cassel aus. Er spielt den machohaften, in seinem Leben gefangenen älteren Bruder, der jederzeit zu explodieren droht - was gerade mit Marion Cotillard als dessen mäuschenhafter Ehefrau ein spannendes Zusammenspiel ergibt.

Einen starken Eindruck hinterlassen darüber hinaus viele kleine Momente, mit denen Dolan seinen Charakteren Tiefe verleiht. Etwa wenn die beiden ungleichen Brüder allein im Auto unterwegs sind oder die Mutter und ihre Tochter beim Tanzen in der Küche unbeschwert zusammenfinden. Dazu gehören auch die Sequenzen, in denen sich Louis an seine erste Liebe als Teenager im Elternhaus erinnert. Wenn die von warmem Licht durchfluteten Bilder wie in einem Traum über die Leinwand zu schweben scheinen, strahlen sie eine wunderbar visuelle Kraft aus.

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