Ein deutsches Leben

Dokumentation, A 2016

Brunhilde Pomsel war Goebbels' Sekretärin

Mit Brunhilde Pomsel verstarb im Alter von 106 Jahren im Jänner eine der letzten Zeitzeuginnen, die den NS-Führungszirkel aus nächster Nähe mitbekommen haben. "Nichts haben wir gewusst", sagt die einstige Sekretärin von Joseph Goebbels in der Doku "Ein deutsches Leben", die einen befremdlichen Einblick in die Seele einer betont unpolitischen Mitläuferin gibt.

Darum geht's in ‚Ein deutsches Leben‘:

Pomsel ist 103 Jahre alt, als sie dem vierköpfigen Regie-Team um Christian Krönes, Olaf S. Müller, Roland Schrotthofer und Florian Weigensamer im Jahr 2013 für zwei Wochen in München Rede und Antwort steht. Es ist ihre erste umfassende Reflexion ihrer Erlebnisse in der Öffentlichkeit, und sie wirkt trotz ihres hohen Alters ungemein scharfsinnig und wach. Sie gibt Details beeindruckend genau wieder und erinnert sich bildhaft, angefangen bei ihrer Kindheit zur Zeit des Ersten Weltkrieges, als "preußisches Pflichtbewusstsein" und "Sich-Unterordnen" gefragt waren - ein Umstand, den sie direkt mit ihrer späteren Ignoranz in Verbindung bringt.

Am 11. Jänner 1911 in Berlin geboren, arbeitete Pomsel nach der Schule als Stenotypistin beim jüdischen Versicherungsmakler Hugo Goldberg, bis dieser 1933 emigrierte. Bereits parallel dazu tippte sie für Wulf Bley, Autor und Nationalsozialist der ersten Stunde, dessen Memoiren. Bley war es, der ihr einen Job beim Reichsrundfunk beschaffte, von wo aus sie 1942 ins Propagandaministerium Goebbels' wechselte. Bis Mai 1945 war sie Sekretärin des Demagogen, der hierarchisch direkt unter Adolf Hitler stand, und in Pomsels Erinnerung vor allem "ein sehr guter Schauspieler war": Kein anderer habe die Wandlung vom im Büro vornehmen Mann zum "tobenden Zwerg" auf der Bühne vor Massen aufgestachelter Menschen derart glaubwürdig vollziehen können wie er.

Pomsel steht zu ihrem Opportunismus, schwärmt vom überdurchschnittlich guten Gehalt und den freundlichen, gut anzogenen Menschen im Goebbels-Büro. Selbstverständlich sei sie in die NSDAP eingetreten, um beruflich voranzukommen, "das haben doch alle gemacht". Egoismus lässt sie sich nicht vorwerfen, höchstens "Gleichgültigkeit, Kurzsichtigkeit": "Ich war sehr äußerlich, sehr dumm." Wichtiger als der Blick in Akten, etwa zu den Geschwistern Scholl, war ihr das Vertrauen ihres Chefs, den sie in den letzten Kriegstagen noch in den Führungsbunker begleitete. Erst nach fünf Jahren Gefangenschaft unter den Russen habe sie vom Holocaust erfahren.

Das Regie-Team des Wiener blackbox-Kollektivs inszeniert die Interviews mit Pomsel vor schwarzem Hintergrund und mit fast unangenehm nahen, hochstilisierten Close-ups, die jede Pore und tiefe Falte zum Vorschein bringen. Das Setting verlangt den Zusehern höchste Konzentration ab und ermöglicht zugleich den fließenden Übergang zu teils nie zuvor öffentlich gezeigtem Archivmaterial des Holocaust Memorial Museum in Washington und des Steven Spielberg Film and Video Archive. Die teils assoziativ eingesetzten Aufnahmen von der menschenverachtenden "Herrenrassentheorie" der Nazis oder von Leichenbergen im befreiten KZ Buchenwald stehen im starken Kontrast zu den distanzierten Schilderungen Pomsels. Eine dritte Ebene bilden Zitate Goebbels', die großteils aus seinem kürzlich veröffentlichten Tagebuch stammen.

Es gibt einige Antworten, die Pomsel den Zusehern schuldig bleibt. Wie sie es verabsäumt, ihr Umfeld zu analysieren, sondern stattdessen nur ihr eigenes Schicksal ins Zentrum rückt, spricht Bände. Auch ihre Widersprüche und ihre Ausflüchte - etwa, was ihre Loyalität sowohl zu ihrer jüdischen Freundin Eva Löwenthal als auch zu hochrangigen Nazis betrifft - geben viel preis. Als schuldig, sagt Pomsel gegen Ende, betrachte sie sich nicht. "Es sei denn, man wirft dem ganzen deutschen Volk vor, dass sie letzten Endes dazu beigetragen haben, dass diese Regierung überhaupt ans Ruder gekommen ist. Das sind wir alle gewesen. Auch ich."

Unsere Meinung zu ‚Ein deutsches Leben‘:

"Ein deutsches Leben" ist ein eindringliches, erschütterndes Kinoerlebnis - gerade weil die Filmemacher sich in Inhalt und Gestaltung eben nicht auf die individuelle Schuldfrage oder die Entlarvung Pomsels als Nationalsozialistin fokussieren. Vielmehr gelingt ihnen ein hoch aktuelles, mahnendes Zeitdokument, das jenen Moment aufzeigt, in dem eine Person einmal zu oft wegsieht - und die Stimmung in einer Gesellschaft kippt. Sie wollten einen Film über persönliche Verantwortung und die menschliche Natur schaffen, sagen die Filmemacher im APA-Interview. "Denn wer kann von sich sagen, dass er in den Widerstand gegangen wäre? Das kann man sich wünschen, aber wissen kann es niemand."

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