Ein Chanson für Dich

B/F/L 2016

Isabelle Huppert brilliert als gescheiterte Schlagersängerin

Isabelle Huppert bewies schon vielfach ihre Wandelbarkeit: Zuletzt fesselte sie im Erotik-Thriller "Elle" als rachedurstiges Vergewaltigungsopfer und in Michael Hanekes in Cannes gezeigtem Familiendrama "Happy End" als eiskalte Geschäftsfrau. Nun überrascht die auf das Image des kantigen Charakters festgelegte Schauspielerin in "Ein Chanson für dich" mit Romantik und Gefühl.

In den ersten Szenen des Films ist Frankreichs Schauspielstar als Fabrikarbeiterin Liliane zu erleben: Routiniert erledigt sie ihre Arbeit. Daheim ergibt sie sich dem Suff vorm Fernsehgerät. Ödnis prägt ihr Dasein, tagein, tagaus. Dann aber spricht sie der junge Kollege Jean (Kévin Azaïs) an. Er hat sie als Laura erkannt - unter diesem Namen war sie in ihrer Jugend eine aufstrebende Schlagersängerin. Die Karriere war kurz, Jean aber glaubt an Liliane. Er will sie managen und wieder berühmt machen. Wovon sie zunächst gar nichts hält.

Im ersten Teil der Geschichte brilliert Isabelle Huppert als Mauerblümchen, das sich selbst gar nichts zutraut. Dann zeigt sie eindrucksvoll, wie Liliane über sich hinauswächst. Was vor allem daran liegt, dass Jean nicht nur um sie als Sängerin wirbt. Er will mehr. Er will ihre Liebe. Wie Isabelle Huppert und Kévin Azais das erst scheue, dann immer heftiger werdende Miteinander der beiden zeigen, ist von bezwingender Schönheit und emotionaler Kraft.

Ob in Szenen voller aufgeladener Erotik oder in Momenten stillen Nachdenkens, als Arbeiterin oder als singender Showstar: Huppert überzeugt nicht nur, sie begeistert. Eben noch grau und ältlich anmutend, wirkt sie im nächsten Moment jugendlich schön; gerade noch zögerlich und ungelenk auftretend, ist sie plötzlich stark und selbstbewusst. Nicht nur ihre Verehrer dürften ihr im Kino zu Füßen liegen, so wie Jean im Film der Liliane/Laura.

Im letzten Drittel, da die Romanze schnurgerade auf ein Happy End in jeder Hinsicht zuzulaufen scheint, schlägt die Geschichte eine spannende Volte: Der Alkohol stellt der wieder erfolgreichen Sängerin ein Bein. Bis wirklich Sekunden vor dem Ende ist nicht klar, ob sie sich noch einmal aufrappeln kann. Und es ist auch keineswegs sicher, ob die Liebe zwischen ihr und Jean eine Chance auf Dauer hat. Das sorgt für knisternde Spannung.

Der belgische Autor und Regisseur Bavo Defurne hat den Film seiner Hauptdarstellerin Huppert auf den Leib geschneidert. Derart sinnlich und ohne neurotische Macken durfte sie seit Jahren in keinem Film sein. Hinreißend! Zusammen mit ihrem Partner Kévin Azais reizt sie das Publikum zu Tränen der Rührung und des Lachens. Isabelle Huppert (64) könnte zwar die Mutter von Kévin Azais (25) sein. Doch die zwei entfalten dem großen Altersunterschied zum Trotz ein wahres Feuerwerk an Erotik. Und wenn Huppert voller Selbstironie Schlager trällert, glaubt man, das sei ihr eigentliches Metier.

Filmkenner werden mit Wonne Anspielungen auf zahlreiche Liebespaare aus Kino-Klassikern entdecken: etwa Jean Seberg und Jean-Paul Belmondo in "Außer Atem", Jane Wyman und Rock Hudson in "Die wunderbare Macht" oder Ali MacGraw und Ryan O'Neal in "Love Story". Doch auch, wer die Verweise nicht entdeckt, wird großartig unterhalten. Denn Bavo Defurne ist es gelungen, Dramatik und Humor bestens miteinander auszubalancieren.

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