Geisterzeit: ‚Die Nacht der 1000 Stunden‘

A 2016

Lebende und tote Mitglieder der Familie Ullich treffen sich

Mysterydrama um ein Familientreffen der etwas anderen Art: Längst Verstorbene tauchen auf und erhellen dunkle Geheimnisse eines Wiener Clans. Stilistisch interessant (mysteriöse Atmosphäre dank Rückprojektionstechnik; Kamera: Christian Berger!), leider schlechte Schauspielführung.

Schauplatz für das surreale Kammerspiel ist das Wiener Palais der Großindustriellenfamilie Ullich. Hier kommen die Halbgeschwister Georg Ullich (Johann Adam Oest) und Erika Bode (Elisabeth Rath) zusammen, um dem jungen Philip (Laurence Rupp) die Firma zu überschreiben - auch, um jegliche Einflussnahme von dessen Halbbruder Jochen (Lukas Miko), einem schlagenden Burschenschafter, zu verhindern. Doch just, als Erika die entscheidende Unterschrift unter den Vertrag setzen will, sackt sie in sich zusammen.

Die Aufregung ist groß - erst recht, als die für tot erklärte Erika plötzlich wieder quietschfidel am Tisch sitzt. An ihre Seite gesellen sich mit der Zeit immer mehr längst verstorbene Vorfahren, darunter Philips schöne, 1938 jung verstorbene Tante Renate (Amira Casar), für die er rasch Gefühle entwickelt. Doch einer fehlt: Patriarch Hermann, der einst angeblich bei einem Bombenanschlag ums Leben gekommen ist. Ein blutiger Tatort ruft den (ebenfalls toten) k.u.k.-Polizisten (Udo Samel) auf den Plan. Während der den möglichen zweiten Tod aufklären will, zweifelt Renate an ihrer eigenen einstigen Todesursache und versucht Philip krampfhaft, Ordnung in die Familie zu bringen. Denn wo gefährliche Ahnen und Ideologien das gegenwärtige System aus den Angeln heben, sind die Lebenden nicht mehr sicher.

Zwischen Realität und Traum, Gegenwart und Vergangenheit wankt die surreale Zeitreise bis zurück ins Jahr 1848 mit Laurence Rupp als naivem, zunehmend irritiertem Reiseführer, der auf Opportunismus und vererbte Schuld stößt. Die Prämisse ermöglicht allerhand skurrile, bisweilen unheimliche Situationen: Da steht etwa die noch lebende Tochter der früh verstorbenen, jüngeren Mutter erstmals gegenüber, findet sich der rechtsextreme Jochen unter Gesinnungsgenossen aus der NS-Zeit wieder oder zweifelt der tote Wissenschafter Fritz auch trotz eigener Auferstehung nicht daran, "dass es kein Leben nach dem Tod gibt".

Mit "Die Nacht der 1000 Stunden" ist Virgil Widrich ein außer- und ungewöhnlicher Film gelungen - vielschichtig in seiner Erzählung, politisch aktuell in seiner Botschaft und beeindruckend in seiner visuellen Umsetzung. Der Salzburger Filmemacher und Multimedia-Künstler (2001 mit "Copy Shop" für den Kurzfilm-Oscar nominiert) hat gemeinsam mit Kameramann Christian Berger (2010 für seine Kameraarbeit bei Michael Hanekes "Das weiße Band" Oscar-nominiert) mit Rückprojektionen gearbeitet und das Wiener Palais digital gebaut, sprich: Die Schauspieler agierten neben teils realen Requisiten in einem Luxemburger Studio im sechs mal sechs Meter großen Raum vor einer Leinwand, auf die die Umgebung von hinten projiziert wurde. Das ist für den Zuseher erstaunlicherweise nicht erkennbar, erzeugt aber dennoch ein Gefühl von Surrealität und bietet Raum für optische Täuschungen, darunter Schatten, Spiegelreflexionen und Doppelungen.

Das Haus selbst ist nie als ganzes im Bild, die Außenwelt sehen wir nur mit Blick durch die Fenster. Das Palais aber verändert sich und altert mit, je mehr frühe Vorfahren "einziehen" und die Einrichtung nach ihrem Sinn umdekorieren: Die Gänge scheinen verwinkelter, der Putz blättert ab, Türen und Böden knarren, Petroleumlampen lösen elektrisches Licht ab und jahrzehntelange kaputte Uhren schlagen lauter denn je. All das wird in wechselnde Farb- und Lichtstimmungen getaucht und von der nervösen Komposition Siegfried Friedrichs untermalt und erzeugt - nicht zuletzt aufgrund der zunehmend unangenehmen Gesellschaft - ein unheimliches Gefühl.

Gerade durch seine versierte, artifizielle Machart wohnt dem Film freilich auch eine gewisse Distanz bei, was ihn nicht nur interessanter, sondern auch sperriger als übliche Kinokost macht. Man kann dem Film nur wünschen, dass er Zuseher findet, die sich auf das Experiment einlassen und ohne Vorbehalte in diesem fantastischen Palais verlieren.

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