Die Lebenden

A/PL/D 2012
Sita entdeckt ein dunkles Familiengeheimnis

Sita entdeckt ein dunkles Familiengeheimnis

Unter großem Applaus feierte Barbara Alberts neuer Film "Die Lebenden" am Internationalen Filmfestival von San Sebastian seine Weltpremiere. Nun kommt der Film regulär ins Kino. Die österreichische Erfolgsregisseurin erzählt in dem Streifen über Schuld, Verdrängung und Sprachlosigkeit die Geschichte von Sita, einer jungen Österreicherin mit rumänischen Wurzeln.

Sita lebt in Berlin und absolviert ein Praktikum bei einer Fernseh-Castingshow, fühlt sich frei und offen, ist neugierig und wohl auch etwas ziellos. Als sie beim 95. Geburtstag ihres Großvaters durch Zufall herausfindet, dass er während des Zweiten Weltkriegs bei der Waffen-SS diente, stellt das ihr Weltbild kurzfristig völlig auf den Kopf. Sie beginnt zu recherchieren, nachzufragen und die Vergangenheit ihrer Familie aufzurollen - und stößt dabei auf eine Welt der Sprachlosigkeit und Verdrängung.

Dass es Albert um die Lebenden, also sowohl die aussterbende Zeitzeugengeneration als auch deren Nachkommen geht und damit um eine Verortung des Schuld- und Verantwortungsthemas im Hier und Jetzt, unterstreicht sie mit einer quirligen und aufgeweckten Protagonistin. Anna Fischer ist als Sita fast in jeder Szene zu sehen, reist von Berlin nach Wien und nach Warschau, um in den Familien- und Dokumentationsarchiven herauszufinden, welche Position ihr Opa tatsächlich bekleidet hat. Ihr Vater (August Zirner) weicht ihren Fragen und Bemühungen jedoch aus: "Willst du über uns richten? Du hast ja keine Ahnung." Die Toten, die sich ursprünglich ebenfalls noch im Titel befanden (und im englischen Titel beibehalten wurden), schwingen dabei stets im Hintergrund mit.

Die Regisseurin, die auch das Drehbuch verantwortet, bleibt zumeist dicht an ihrer Hauptdarstellerin dran und charakterisiert die unterschiedlichen Milieus nicht zuletzt über die Musik. In der Lebenswelt von Sita dominieren junge eindringliche Künstlerinnen wie Gustav oder Soap&Skin, im bürgerlichen Umfeld des Vaters erklingt dagegen die englische Barockmusik eines Henry Purcell. Erstmals arbeitet Albert auch mit klassischer Filmmusik, etwa wenn Sita ihre Eindrücke aus den Archiven und Konzentrationslagern verarbeitet. Die junge Frau versucht, das Bild von ihrem Großvater mit den neuen Erkenntnissen in Einklang zu bringen - doch so einfach gelingt das nicht. Und parallel machen ihr auch noch Männergeschichten und eine neu gewonnene Freundschaft mit einer Hausbesetzerin in Polen zu schaffen.

Die Heimatlosigkeit von Sita, die Entwurzelung, das Erwachsenwerden, dies alles kommt in ihrem Umgang mit dem Vater, dem Onkel und mit den Behörden nachhaltig zum Ausdruck. Und wenn sie ein Video mit einem Interview ihres Großvaters ansieht, das erschreckend authentisch wirkt, stockt einem im Publikum ebenso wie ihr der Atem.

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