Die göttliche Ordnung

Drama, CH 2017

Frauen in der Schweiz kämpfen bis 1971 um ihr Wahlrecht

Erst 1971 wurde in der Schweiz das Frauenwahlrecht eingeführt (in Österreich ab 1918). Diese etwas zu harmlose Komödie erzählt von der Emanzipationsbewegung davor.

Regisseurin Petra Biondina Volpe stellt ihrem Spielfilm Archivbilder der 68er-Bewegung voran, geprägt von sexueller Revolution, Black Power und der Befreiung der Frauen. Im beschaulichen Dorf im Schweizer Appenzell, in dem die Hausfrau und Mutter Nora Ruckstuhl (Marie Leuenberger) lebt, ist 1971 von den gesellschaftlichen Umwälzungen jedoch noch nichts zu spüren. Und auch sie selbst, so scheint es, spürt sich nicht so ganz: Gefangen im Alltagstrott, lässt sie sich vom grantigen Schwiegervater herumkommandieren und versorgt ihren Mann Hans (Max Simonischek) und die beiden Söhne verlässlich.

Irgendwann stellt sich Langeweile ein. Also will Nora wieder arbeiten gehen, zumindest Teilzeit. Doch Hans stellt sich ihr in den Weg - und hat das Gesetz hinter sich. Bisher nie politisch engagiert und um Harmonie bemüht, beginnt Nora, sich für die anstehende Abstimmung über das Frauenwahlrecht am 7. Februar zu interessieren. Bald schart sie Unterstützerinnen um sich - darunter die ehemalige Wirtin Vroni (Sibylle Brunner), Pizzeria-Besitzerin Graziella (Marta Zoffoli) sowie Noras Schwägerin Theresa (Rachel Braunschweig). Bei einer Demonstration in Zürich lernen sie Mitstreiterinnen, bei einem Workshop ihre eigenen Vaginas kennen. "Das Private ist politisch", erkennt Nora, und organisiert - während ihr Mann den Militärdienst verrichtet - lautstarken Protest, der nicht nur die Dorfgemeinschaft, sondern auch den eigenen Familienfrieden erschüttert …

Mit dem späten Ja zum Frauenwahlrecht im Jahr 1971 zählte die Schweiz zu den Schlusslichtern westlicher Demokratien; in Österreich etwa dürfen Frauen seit 1918 wählen. Bis der Grundsatz der Gleichbehandlung von Mann und Frau in die Schweizer Verfassung kam, vergingen weitere zehn Jahre, und bis auch der letzte Kanton das Frauenstimmrecht einführte, dauerte es gar bis 1990.

Diese enge, reaktionäre Stimmung, die die nunmehrige Wahl-New-Yorkerin Petra Volpe später selbst aus der Schweiz auswandern ließ, fängt sie in ‚Die göttliche Ordnung‘ gut ein – ebenso wie die individuelle und schließlich kollektive Selbstermächtigung ihrer Protagonistinnen. Jede der fiktiven Figuren steht für eine bestimmte Form der Willkür, der die Schweizer Frauen durch die Männer ausgesetzt waren: Nora kann ohne die Zustimmung ihres Ehemanns weder Geld ausgeben noch einen Job annehmen, die ehemalige Wirtin Vroni ist nach dem Tod ihres schlecht wirtschaftenden Mannes mittellos und - besonders schockierend - Noras jugendliche Nichte wird wegen ihres „wilden“ Lebensstils von der Vormundschaft in ein Erziehungsheim eingewiesen.

Volpe geht differenziert vor, zeigt eine Antistimmrechtsaktivistin als Antagonistin und auch Männer als Leidtragende starrer Geschlechterrollen. Nicholas Ofczarek etwa hat einzelne starke Momente als cholerischer, an Erwartungshaltungen zerbrechender Ehemann und Vater (und spricht übrigens in einwandfreiem Schweizerdeutsch). Beherzt und souverän angeführt wird das erfrischende Ensemble von der gebürtigen Berlinern Marie Leuenberger, die viel in Blicke und Gesten legt und ihre Nora glaubwürdig aufblühen lässt.

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