Die Geträumten

A 2016

Briefe von Ingeborg Bachmann - gelesen von Anja Plaschg

Das Setting ist reduziert: Ein weitläufiges Aufnahmestudio, zwei Mikros, davor die beiden Protagonisten. Der Musikerin Anja Plaschg (Soap&Skin) und dem Schauspieler Laurence Rupp fällt in ‚Die Geträumten‘ die Aufgabe zu, den Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan vorzutragen. In Ruth Beckermanns Film gelingt ihnen sogar mehr: Sie erwecken eine Liebe zum Leben.

Als Vorhaben klingt "Die Geträumten" erstmal ziemlich eigenwillig: Basierend auf den bei Suhrkamp unter dem Titel "Herzzeit" erschienen Briefen zwischen den großen Dichtern, soll deren Beziehung nachgezeichnet werden. "Es war eine Sache, die es nicht oft gibt", erklärt Rupp im APA-Interview den Reiz. "Man hat schnell gemerkt, dass sich Ruth hier auf dünnes Eis wagt und nicht weiß, wohin die Reise gehen wird." Genau das habe ihn aber angesprochen, erzählt der 29-jährige Wiener, der aktuell auch in Virgil Widrichs "Die Nacht der 1.000 Stunden" zu sehen ist.

Und ja: 90 Minuten lang die Verbildlichung des geschriebenen Wortes vorgesetzt zu bekommen, scheint wirklich gewagt. Allerdings ist es ein Wagnis, das sich letztlich gelohnt hat: Beckermann gibt ihren Darstellern den nötigen Raum, um sich ganz auf die Sprache einzulassen, diese zu erfühlen und dem Klang nachzuspüren. Dass sie dabei so im Fokus stehen, sei nicht von Anfang an klar gewesen. "Das ist erst später entstanden", betont Rupp. "Ich habe meine Aufgabe zunächst viel bescheidener gesehen, es sollte um die beiden und die Orte, an denen sie waren, gehen."

Nun wird der Seher durch den Vortrag an diese Orte transportiert, trifft auf Bachmann und Celan im Nachkriegs-Wien, wo sie sich erstmals begegnen und eine tiefe Zuneigung füreinander entwickeln. Doch die gemeinsame Zeit währt nur kurz, bald geht er nach Paris, während sie in Österreich bleibt und ihre Karriere vorantreibt. In den folgenden Jahren schwankt dann die Beziehung zwischen einer natürlichen Anziehung, einer gewissen Sehnsucht und teils Unverständnis sowie Ablehnung. Trotzdem bleiben sie einander verbunden. Die Distanz sei ein Grund dafür gewesen, meint Plaschg, und ihr Filmpartner ergänzt: "Nur weil es so war wie es war, hat es das am Leben gehalten."

Dass man sich ganz auf das gesprochene Wort einlassen kann, liegt neben der gelungenen Inszenierung natürlich auch an den beiden Protagonisten. Sie sprechen die Briefe meist nüchtern, mit einer gewissen Distanz. "Das ist völlig richtig", attestiert Rupp. "Wir waren schnell an dem Punkt: Wir sind Sprecher, die diese Texte lesen und wiedergeben. Dass da natürlich auch eine gewisse Durchlässigkeit und ein sich Einlassen auf das, was gelesen wird, stattfinden muss, ist ja klar. Sonst wäre es kein theatraler Vorgang. Die Schwierigkeit lag eher darin, in dem Moment, in dem wir das gemacht haben, uns völlig darauf einzulassen und jegliche Bedenken abzugeben."

Gewissermaßen konterkariert wird dieser Aspekt durch dazwischengesetzte Szenen, die Plaschg und Rupp bei Rauchpausen, auf dem Boden des Aufnahmestudios liegend oder in der Kantine des ORF-Funkhauses sitzend zeigen. "Es war die Bedingung, dass die Kamera immer läuft", sagt Plaschg dazu. Beckermann begleitete ihre Darsteller also über den primären filmischen Raum hinaus. Einige Male ist man auch wie ein stiller Beobachter dabei, wenn sie über die Briefe selbst reden und versuchen, dem Antrieb von Bachmann und Celan nachzuspüren.

Da wäre etwa die immer stärker in den Vordergrund dringende Kritik des etwas älteren Dichters an Bachmann. "Es ist eine männliche Missgunst ihr gegenüber, die mich auch sehr beschäftigt hat", meint Plaschg. "Weil das nicht nur damals so war, sondern immer irgendwo aktuell ist." Die als Soap&Skin bekannte Musikerin hat sich für die Vorbereitung auf ihre Rolle im Film primär mit der Biografie Bachmanns beschäftigt. "Beziehungsweise zuerst mehr mit ihr als Person. Als ich mich mit den Texten beschäftigt habe, war ich anfangs mehr auf seiner Seite, hatte mehr Zugang zu seiner Lyrik als zu ihren Texten. Das hat sich dann im Laufe der Dreharbeiten ganz interessant gewendet."

Im Spiel zusammen, das eigentlich nur schwer als ein solches bezeichnet werden kann, erzeugen Plaschg und Rupp jedenfalls eindringliche Momente. Man merkt nicht nur in den Off-Szenen, dass hier die Chemie stimmt. "Hätten wir uns nicht so gemocht, hätten wir vielleicht eine Schutzwand aufgebaut oder hätten uns nicht so eingelassen auf die Sache", nickt Rupp. "Das sind ja Vorgänge, die unbewusst passieren. Das kam aber nicht. Wir waren beide immer sehr ehrlich und durchlässig, haben uns in die Hand des anderen begeben."

Wiederum nicht aus ihrer Hand gegeben hat Bachmann einige Briefe, die trotzdem Teil des Bandes sowie des Films sind. Für beide Darsteller eine mitunter tragische Angelegenheit. "Weil man gewusst hat, was da noch hätte stattfinden können an Kommunikation, die vielleicht auch erklärend war", verweist Rupp auf nicht abgeschickte Zeilen. Besonders ein Brief kommt beiden dabei in den Sinn. "Ich war da sehr zwiegespalten, warum sie den nicht abgeschickt hat", sinniert Plaschg. "Die Worte, die sie da für ihn gefunden hat, waren so aufrichtig und schonungslos. Oft hat sie sehr viel zurückgesteckt und ist sehr behutsam mit ihm und seinem Leid umgegangen. Da fand sie aber unglaubliche Worte für ihren eigenen Schmerz, für die Missgunst, die ihr von ihm entgegengeschlagen ist."

Trotz dieser Aspekte bleibt aber die am Plakat angefügte Bezeichnung für "Die Geträumten" - "Ein Liebesfilm" - bestehen. Ruth Beckermanns Arbeit, die heuer bei der Berlinale uraufgeführt wurde und in Graz den Großen-Diagonale-Spielfilm-Preis erhielt, ist ein gelungenes Experiment, das Sprache mit Bildern und Regungen zu erweitern weiß. Hier handelt es sich keineswegs um das Nebenprodukt eines Hörspiels, sondern eine ganz eigenständige wie eigenwillige Übersetzung von Emotionen, ohne diese nachstellen zu müssen. Ein intensives Kammerspiel der anderen Art.

Kinotipps
Der kleine Drache Kokosnuss - Auf in den Dschungel!

Der kleine Drache Kokosnuss - Auf in den Dschungel!

Kinotipps
Juliet, Naked

Juliet, Naked

Kinotipps
Bumblebee

Bumblebee

Kinotipps
Mary Poppins' Rückkehr

Mary Poppins' Rückkehr

Kinotipps
Aquaman

Aquaman

Kinotipps
Gruß vom Krampus

Gruß vom Krampus