Der dunkle Turm

Action/Abenteuer, USA 2017

Düstere Fantasy-Saga von Stephen King

Nach so vielen Jahren des Wartens startet die Verfilmung des Fantasy-Zyklus im Kino – und erweist sich trotz Topstars als große, dunkle Enttäuschung.

In New York bebt in letzter Zeit immer öfter die Erde, am Himmel sind seltsame Lichtphänomene zu sehen. Alle rätseln, was es damit auf sich haben könnte – nur Jake (Tom Taylor) hat eine Ahnung. Seit langem schon quälen den Schüler, der den Tod seines Vaters nie überwinden konnte, reale Albträume, die er nachher wie besessen aufzeichnet: Entführte Kinder, die von seltsamen Wesen gefangen gehalten werden, die nur oberflächlich menschlich aussehen. Diese „Fake Faces“ haben sich die humanen Gesichter nur wie Masken übergestülpt, sieht man genau hin, erkennt man deren Ränder. Befehligt werden sie von einem hageren, bösen Mann in Schwarz (Matthew McConaughey).

Er jagt die besonderen Geisteskräfte dieser Kinder durch eine Maschine und ballert einen gebündelten Todesstrahl auf einen riesigen, weit entfernten dunklen Turm, der unter den Treffern schwankt. Jedesmal, wenn er so einen Strahl abfeuert, bebt in New York der Boden. Und es gibt einen geheimnisvollen, einsamen Revolvermann, der diesen Fiesling bekämpft. Klar, dass ihn alle für verrückt halten: Mutter, Stiefvater, Psychiater. Als er nach einer Schlägerei vorübergehend in eine Anstalt gebracht werden soll, erkennt er in den Bediensteten der Stadt, die ihn hinbringen sollen, zwei Fake-Faces. Er flieht und findet in einem alten, verlassenen Haus eine Art Portal, durch das er eine andere Welt betritt. Einsam, karg, wüstenähnlich – es ist die Welt von Roland, dem Revolvermann (Idris Elba). Der ist seit ewigen Zeiten der Feind vom Mann in Schwarz, der einst Walter O'Dim hieß und wahrscheinlich auch ein Revolvermann war, ehe er böse wurde. Nun ist Roland, der zwei fette, halbmagische .45er- Remingtons aus dem Wilden Westen bei sich trägt, der letzte seiner Art.

Einerseits jagt er Walter, andererseits ist der Mann in Schwarz samt Spießgesellen auch hinter ihm her. Gut gegen Böse, ein ewiger Kreislauf mit derzeit deutlichen Vorteilen auf Seiten der Bösewichte. Erst ist Roland misstrauisch, doch die Zeichnungen überzeugen ihn schließlich, dass Jake ihn zu Walter und damit zur finalen Begegnung führen könnte. Nach Kämpfen mit Monstern und Dämonen kehren beide nach New York zurück, damit sich Roland dem Showdown mit dem Mann in Schwarz stellen und das Ende aller Welten verhindern kann. Klingt verwirrend und nicht zu Ende gedacht? Ist es auch …

Fallstudie

Möglicherweise wird Nikolaj Arcels Stephen King-Adaption ‚Der Dunkle Turm‘ als Fallstudie in die Filmgeschichte eingehen, wie es passieren kann, dass ein großes Studio und glänzende Namen bei Buch, Produktion, Cast und Regie (in Dänemark gilt Arcel seit ‚Die Königin und der Leibarzt‘ als Top-Talent) zusammenarbeiten – und dann das große, leere, schier fassungslos machende Nichts herauskommt. Aber gehen wir zurück an den Anfang:

Seit über zehn Jahren versucht Hollywood, aus dem achtteiligen Romanzyklus des US-Bestsellerautors eine Franchise oder zumindest einen singulären Blockbuster zu machen. Immerhin bezeichnet Stephen King selbst diese Bücher als seine wichtigsten, die weltweite Fangemeinde gerade dieser Reihe ist riesig. Erst lagen die Rechte bei J. J. Abrams. King, der mit Verfilmungen seiner Werke große Triumphe und ziemlichen Trash erlebt hatte, war gerade beim ‚Dunklen Turm‘ sehr wählerisch. Beeindruckt von der Serie ‚Lost‘ verkaufte er eine Rechte-Option um symbolische 19 Dollar (19 ist eine Zahl, die immer wieder im King-Universum wichtig ist). Die kreativen Anläufe und Visionen waren groß, bis Abrams an der schieren Mächtigkeit des Stoffes und dem Zwang, sich jahrelang damit befassen zu müssen, vor allem aber am riesigen Erwartungsdruck der Fans, scheiterte. Dann trat Universal an und machte Nägel mit Köpfen. Es gab große Pläne für drei Filme plus begleitende TV-Serien danach; Fernsehen und Kino sollten ineinander verzahnt werden. Ron Howard Regie, Hauptrolle Javier Bardem, Drehbuch Akiva Goldsman. Das Studio arbeitete mit Hochdruck – um ein Jahr später zu kapitulieren, wieder neu zu beginnen (diesmal wollte man Russell Crowe als Hauptdarsteller) und schlussendlich ganz aufzugeben: unverfilmbar! Also übernahm 2015 Sony Pictures das Projekt, verpflichtete den beschriebenen Cast, behielt Howard als Produzent, Goldsman als Drehbuchautor plus vier weitere Schreiber, die am Skript herumdoktorten, verschob den Starttermin um ein halbes Jahr und zog es gegen alle Instinkte durch. Zu viel Zeit und Geld waren investiert, als dass jemand die Stop-Taste drücken wollte.

Fazit

Beginnen wir beim Positiven, und das sind die Schauspieler. Idris Elba ist wie immer ein Naturereignis, auch wenn ihm anzumerken ist, dass er sich während des Spiels heimlich fragte, was das alles werden soll. Matthew McConaughey als Bösewicht macht seine Sache großartig. Glatt, schwarz und das unaufgeregte, leise Böse stehen ihm gut. Und immer wieder erstaunt Hollywood mit seinem Reservoir an frischen Nachwuchsgesichtern. Tom Taylor als Jake ist eine echte Entdeckung, hoffentlich hat dieser Film seine junge Karriere nicht eingedellt.

Denn diese drei agieren zwar in sorgfältig komponierten und teils episch aufgenommenen Bildern – aber sie hängen fest in einem Limbo aus nicht vorhandenen Motivationen (warum passiert das alles eigentlich?) und fehlender Figurentiefe. Goldman und seine schreiberischen Handlanger haben nämlich das Grundmotiv eines späteren Buchs der Reihe aufgenommen und durch Highlights aus anderen Büchern ergänzt. Das mag bei Hardcore-Fans, die alle Bücher gelesen haben und sich in dieser Welt zurechtfinden, ein Wiederkennen und Zuordnenkönnen auslösen. Wer diese Vorbildung nicht hat, hängt indes in der völligen Verwirrung: Okay, das Universum ist eine Pizza, in der die Welten (auch unsere) wie Pizzaecken nebeneinander liegen; in der Mitte hält der dunkle Turm alles zusammen. Aber warum will der Mann in Schwarz das vernichten, wo kommen seine Fake Faces her, was haben alle von der Zerstörung, woher kennen sich die beiden bitter hassenden Kontrahenten, wie war ihre Beziehung, bis sie Feinde wurden, kurz: Wie ticken dieses Universum, seine Schurken und Helden, was hat unsere Welt damit zu tun und wie kommt das alles zusammen?

Stephen King hat Jahrzehnte und fast 7.000 Buchseiten gebraucht, um das schlüssig zusammenzubringen. ‚Der Dunkle Turm‘ versucht das in ziemlich genau 90 Minuten abzuhandeln. Man braucht kein studierter Professor für Dramaturgie zu sein, um im Kinosaal schon nach wenigen Minuten zu erkennen, dass diese Art der oberflächlichsten Verdichtung nur scheitern kann. Sie tut es ehrenvoll, denn zwischendrin sind ein paar spannende Sequezen, und es gibt Dutzende Anspielungen auf andere Werke von Stephen King – nett. Aber am Ende reicht das alles nicht aus, um im hochklassigen Fantasy-Genre mit ansonsten so unzureichenden erzählerischen Mitteln ein Leiberl zu haben. Am ersten Wochenende spielte ‚Der Dunkle Turm‘ in den USA zwar 19,5 Millionen ein und wird international seine Produktionskosten wohl schaffen; zu groß ist die verständliche Neugierde der Fans. Doch die großen Pläne mit weiteren Filmen und/oder Fernsehserien dürften mit diesem misslungenen Auftakt wohl begraben sein. Bleibt nur zu hoffen, dass die zweite große King-Adaption dieses Jahres, die im Herbst startende Neuauflage von Es, besser gelungen sein wird.

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