Das Geheimnis

Drama/Kriegsfilm, F 2007
Francois' Eltern sind sehr ehrgeizig

Francois' Eltern sind sehr ehrgeizig

Es ist eine schockierende Szene, klar und brutal: Eine Mutter liefert sich in der Nazizeit bei einer Grenzkontrolle ohne Not den Schergen aus, indem sie ihre jüdische Identität preisgibt, sie verrät sogar ihren kleinen, sie begleitenden Buben. Simons später in der Familie verleugnete Existenz ist das titelgebende "Geheimnis" in Philippe Grimberts autobiografischem Roman.

Der französische Regisseur Claude Miller (zuletzt: "Die kleine Lili") hat das Buch beeindruckend verfilmt, und wenig ist bei dem Film so eindeutig wie diese Schlüsselszene. Es ist ein schwieriges Spiel der Zeiten- und Handlungsebenen, die der Zuschauer erst einmal zueinander in Beziehung setzen muss: In einer in Schwarz-Weiß gezeigten Gegenwart sucht Francois (Mathieu Amalric) seinen alten Vater Maxime (Patrick Bruel).

Die Vergangenheit wird farbig und vielfältig geschichtet erzählt: Der kleine, zarte Francois, den harten Anforderungen seines Vaters und des Lebens kaum gewachsen, träumt von einem älteren Bruder. Diesen hat es jedoch tatsächlich gegeben, erfährt er später durch Erzählungen der Nachbarin Louise (Julie Depardieu wurde für ihre Rolle mit einem César als beste Nebendarstellerin ausgezeichnet). Es ist Simon, der prächtig geratene, sportliche Sohn von Maxime und Hannah (Ludivine Sagnier), die so lange ein glückliches Eheleben führen, bis Maxime bei der gut aussehenden Schwimmerin Tania (Cécile de France) Feuer fängt.

Weil diese Liebesgeschichte jedoch in den 1940er Jahren spielt, wird sie zur Tragödie: Die jüdische Familie entschließt sich, vor den Nazi-Verfolgungen in den Süden zu fliehen. In Etappen geht sie über die grüne Grenze. Maxime und Tania sind bei der Vorhut dabei. Was sich lange angebahnt hat, passiert. Die erste Fluchtstation wird zur Liebesidylle, und die nachkommende Hannah glaubt zu wissen, was sie drüben erwartet - nicht Rettung, sondern Ehebruch, nicht Glück, sondern Leid. Was sie dagegen als Gefangene der Nazis erwartet, ahnt sie nicht.

Claude Miller zeigt mit einem prächtig disponierten Schauspieler-Team (mit elf Cesar-Nominierungen lag der Streifen 2008 gleichauf mit dem Piaf-Biopic "La Mome") bunte, unbeschwerte Milieu-Bilder ebenso wie düsteres, quälendes Graben in einer Vergangenheit, die totgeschwiegen wird. Er arbeitet aber auch schön den Kontrast zwischen einem körperbetonten und einem in sich gekehrten, intellektuell orientierten Leben heraus. Auch er sei als Bub eher unsportlich gewesen, bekannte der Regisseur im APA-Interview. Und nicht nur deshalb habe ihn weniger der psychoanalytische Zugang des Analytikers Philippe Grimbert interessiert, als die vielen Parallelitäten zu seiner eigenen Familiengeschichte: "Es ist das gleiche soziale Milieu, laizistische, nicht religiöse, gut integrierte Juden. Mein Vater war ganz ähnlich wie Maxime: Er hat seine jüdische Identität verweigert, er wollte Franzose sein."

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