Colonia Dignidad - Es gibt kein Zurück

Drama/Romanze, D/L/F 2015

Lena und Daniel fliehen vor dem Militärputsch

Es ist eine jener schier unglaublichen Begebenheiten des 20. Jahrhunderts, die nach einer filmischen Umsetzung geradezu schreien: Das Terrorregime, das der deutsche Guru Paul Schäfer für seine Jünger im Chile der 1970er mit der "Colonia Dignidad" errichtete, die zugleich dem Militärregime als Foltergefängnis diente.

Der deutsche Regisseur Florian Gallenberger, der sich zuletzt schon mit "John Rabe" einem historischen Thema widmete, hat sich in langer Recherche vor Ort auf sein Projekt vorbereitet, existiert die Colonia in geläuterter Form doch bis heute. Für seine filmische Umsetzung konnte der 43-Jährige neben Daniel Brühl ("Rush") auch Emma Watson ("Harry Potter") als Hauptdarstellerin gewinnen. Beide spielen das ebenso fiktive wie politisch idealistische Paar Lena und Daniel, das in die Mühlen des chilenischen Militärputsches von 1973 gerät. Augusto Pinochets Geheimpolizei setzt den linksbewegten Fotografen Daniel trotz seiner deutschen Staatsbürgerschaft fest und lässt ihn in der Colonia Dignidad foltern.

Lena sieht keine andere Möglichkeit, ihren Geliebten zu befreien, als sich inkognito in die Sekte einzuschleusen. Diese wird vom diabolischen Laienprediger Paul Schäfer geleitet, dessen latente Gewaltbereitschaft von Michael Nyqvist inkorporiert wird, der mit den schwedischen "Millennium"-Verfilmungen nach Stieg Larsson bekannt wurde. Nach außen hin erweckt dieser mit seiner gänzlich abgeschotteten Community den Anschein einer straff geführten, aber biederen Bauerngemeinschaft, was ihm nicht zuletzt die Unterstützung und den Schutz der deutschen Botschaft vor Ort eintrug.

Nach innen werden die vornehmlich deutschen Jünger jedoch mit drakonischen Strafen, Psychopharmaka sowie blanker Gewalt unterdrückt und müssen auf den umgebenden Feldern schuften. Männer und Frauen leben streng separiert, während Schäfer sich an den Buben der Gemeinschaft vergeht - ein Verbrechen, für das der 2010 mit 88 Jahren Verstorbene erst 2006 von einem chilenischen Gericht für schuldig befunden und zu einer Haftstrafe von 20 Jahren verurteilt wurde.

In dieser Hölle auf Erden müssen Lena und Daniel 132 Tage ausharren, bis sie zu einem Fluchtversuch ansetzen können. Die Qual seiner Folterschergen überlebt Daniel dabei nur, weil er sich nach den Elektroschocks als geistig behindert ausgibt, während Lena als Frau besonders dem misogynen System ausgesetzt ist. Die anfängliche Geschichte als liebendes und liebenswertes Paar rückt hier zugunsten der historischen Schilderung in den Hintergrund.

Dass Gallenberger hier stilistisch am Thriller- und bisweilen auch am Horrorgenre anstreift, macht das Geschehen letztlich erträglicher und verhindert den Charakter einer moralisierenden Geschichtsstunde, ohne dabei das Anliegen aus den Augen zu verlieren. Seine stärksten Momente hat der Genrehybrid "Colonia Dignidad" deshalb auch in diesem breiten Mittelteil, wenn Gallenberger die albtraumhafte Atmosphäre der abgeschlossenen Gemeinschaft in graue Farben kleidet und das autokratische, auf Ausbeutung und Unterdrückung angelegte System in seinen Details schildert.

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