Chuzpe

Dokumentation, A 2017
Die Geschichte der ersten Punkband Wiens

Die Geschichte der ersten Punkband Wiens

"Chuzpe" hat man - oder man hat zumindest von ihnen gehört: Peter Ily Huemer erweist in einer humorvollen Doku der gleichnamigen Wiener Punk-Gruppe der 70er seine Reverenz. Herausgekommen ist weniger eine Aneinanderreihung von Musik als eine Personale der Protagonisten, die heuer bei der Grazer Diagonale Weltpremiere feierte und im Wiener Gartenbaukino zu sehen ist - inklusive Konzert.

Als Chuzpe zusammenfand, war Wien offenbar eine "tote Stadt". Und die Punk-Idee und - Musik schwappte mit fast zehn Jahren Verspätung nach Wien, respektive nach Restösterreich vorerst noch gar nicht. Das Bürgerschreck-Dasein blieb eine Zeit lang ein exklusives Vergnügen. Man war sehr unter sich, es gab anfangs nur eine Handvoll Punks in Wien, und die hatten es nicht leicht. Aber Spaß: Einer arbeitete im Lager der ersten Fast-Food-Kette in Wien und hatte dort die erste industrielle Mayonnaise mitgehen lassen. Dann gab es eine Party: "Mit 25 Kilo Mayonnaise und Ketchup, sonst nix", erinnert sich eine Teilnehmerin.

Spezielle Namen mussten her - Nivea hieß eine der überraschend vielen Frauen in der Doku, denn zumindest die Punkmusiker waren überwiegend Männer. Schlagzeuger Ronnie Urini (The Vogue) schildert, wie er zu seinem Namen kam. Unter anderem, weil er Bierkrüge füllen musste, weil er stundenlang nicht zu spielen aufhören wollte. Aus seinem ursprünglichen Ronnie Ruini wurde dann durch einen Fehldruck Ronnie Urini. "Na, des werd'i a net korrigieren", dachte er sich.

Es sei für viele der Szene am Anfang gar nicht primär die Musik gewesen, "es war diese andere Art zu leben, die fasziniert habe", bekennt eine Angehörige der Szene. Musiker und Wegbegleiter ergänzten einander, schufen ein Zeitbild des grauen und öden Wien am Ende der 1970er. Der Schotte Brian meinte gar, im Ostblock zu sein. Erzählt werden Familiengeschichten, von entsetzten, sich dennoch kümmernden und sich bekümmernden Eltern. Auch wie die Bands wie Chuzpe, Blümchen Blau oder Dirt Shit entstanden, wird humorvoll geschildert: "Du spielst Bass". - "Aber i kann nur drei Griffe". - "Passt". Und man erfährt, dass die "Music-Box" um 15 Uhr in Ö3 die Wiener mit den "Ramones" bekannt machte.

Ein wenig auf heutige Punks herabzublicken, ist auch drin: "Wir sind damals nicht so mit Hunden herumgelungert und haben geschnorrt. Ich mein', geschnorrt schon, hin und wieder, aber die meisten haben einen Job gehabt. Das war damals so, in der Kreisky-Ära". Einer war Briefträger und hat nicht automatisch punkige Attitüden auf die Arbeit übertragen: "Ich hab' nie g'sagt, fuck you, da, unterschreib' den Brief."

Dass in Wien selbst der Punk nicht halb so wild gewesen ist, wie es damalige brave Bürger empfunden haben mögen, demonstrierte "Drahdiwaberl"-Chef Stefan Weber einmal in einem Radio-Feature in gekünstelter Aufregung über die Musiker-Kollegen: "Ma, die Chuzpe, die Schweindln, de hab'n da an Kaugummi herpickt auf die Bühne". Aber tausend Takte Spaß in der toten Stadt waren wohl allemal drin.

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