Caracas, eine Liebe

Drama/Romanze, YV/MEX 2015

Langsam kommen der ältere Armando und der junge Elder sich näher

Eine der Stärken des Kinos ist seine Fähigkeit, dem Publikum einen Blick in die Welt von Charakteren zu eröffnen, zu denen es im realen Leben keinen Zugang hat - und die Darstellung von Liebe. Beides gelingt dem Debüt "Caracas, eine Liebe" des 47-jährigen venezuelanischen Regisseurs Lorenzo Vigas, mit dem dieser im Vorjahr überraschend den Goldenen Löwen in Venedig gewann.

Überraschend war der erste Sieg eines lateinamerikanischen Beitrags beim renommierten Festival in der Lagunenstadt deshalb, weil "Caracas, eine Liebe" zwar handwerklich tadellos gemachtes Arthauskino ist, das von der Erfahrung des bis dato nur als Kurz-und Dokumentarfilmer in Erscheinung getretenen Vigas zeugt, jedoch über weite Strecken relativ spröde bleibt. Herausragend an diesem Werk sind vor allem die beiden Charaktere in seinem Zentrum.

Armando (gespielt vom renommierten venezuelanischen Theatermacher Alfredo Castro) ist ein letztlich biederer Zahntechniker fortgeschrittenen Alters, dessen Suche nach jungen Männern ihn immer wieder in die Armenviertel der venezuelanischen Hauptstadt Caracas führt. Er nimmt von dort gegen Bezahlung Burschen mit nach Hause, wo er sich selbst befriedigt, während er ihre nackten Körper betrachtet. Dass sein von ihm entfremdeter Vater nach Caracas zurückkehrt, bringt Armandos Welt allerdings ins Wanken.

Als er dann den widerspenstigen Elder (Luis Silva) mit in sein Apartment nimmt, schlägt dieser ihn auch noch nieder und raubt ihn aus. Doch Armandos Interesse ist geweckt. Er findet heraus, wo der junge Mann wohnt und nimmt erneut Kontakt auf. Zwischen den beiden so ungleichen Charakteren entwickelt sich so peu a peu ein Verhältnis, das zwischen väterlicher Freundschaft, sexuellem Begehren und finanzieller Abhängigkeit changiert.

Vigas inszeniert diese Geschichte in aschfahlen Bildern, die in teils extremer Tiefenschärfe die Figuren vor naturalistischen Kulissen von ihrer Umwelt abheben und ihre Welt im Unscharfen verschwimmen lässt. Er lässt den Fokus teils quälend lange auf einzelnen Szenen, in denen auch Zärtlichkeit meist gewaltvoll daherkommt und Brutalität beinahe beiläufig geschildert ist. Und so nüchtern der Blick des Regisseurs auf seine Figuren ist, so mitleidslos schilder er dann auch deren Ende. "Caracas, eine Liebe" handelt letztlich von zwei verlorenen Seelen, die dem Zuschauer in ihrer Gefühlsstarre jedoch nicht ans Herz wachsen.

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