Belle Toujours

Drama/ , P/F 2006
Fortsetzung von Luis Bunuels Klassiker

Fortsetzung von Luis Bunuels Klassiker

Als sich am vergangenen Wochenende in Cannes über dreißig Regiegrößen des Weltkinos zum Familienbild formierten, da machten auch die selbstbewusstesten Stars des Metiers einem alten Mann mit Gehstock ehrerbietig Platz: Der Portugiese Manuel de Oliveira ist bereits fast 100 Jahre alt - und dreht noch immer Filme. Mit einem im Vorjahr gedrehten rund einstündigen Streifen huldigt der Regie-Greis einem anderen Großen: "Belle toujours", ein später Epilog auf Luis Bunuels vor vier Jahrzehnten gedrehten Klassiker "Belle de jour", kommt am Freitag (25.5.) in die heimischen Kinos.

Michel Piccoli begegnet als Henri Husson in einem Konzert der Frau seines früheren Freundes wieder, die einst im Zentrum eines Dramas der Obsessionen stand. Diese flüchtet, weicht aus, will ganz offenbar nicht an die gemeinsame Vergangenheit erinnert werden. Kein Wunder, denken sich jene, die den legendären Film im Gedächtnis präsent haben, schließlich führte das Ausleben der masochistischen Fantasien einer gutbürgerlichen Dame im Bordell geradewegs ins Verderben. Nachdem Madame Severine Serizy vorerst jedoch nicht wieder aufzutreiben ist, vertraut sich Husson einem jungen Barkeeper an und erzählt die Eckdaten der Geschichte, in der er eine durchaus unrühmliche Rolle spielte, mit zwei Huren als interessierte Zuhörerinnen im Hintergrund.

Das ist, im raffinierten Spiel der Verbindungen zwischen einst und heute, zwischen den handelnden Personen in dem intimen Setting der Bar, der spannendste Teil dieses etwas seltsam anmutenden Films, der notgedrungen einen weiteren Verfremdungseffekt aufweist: Es gibt nämlich kein Wiedersehen mit der Original-Severine von einst. Catherine Deneuve hatte ihre Mitwirkung angeblich deshalb abgelehnt, weil sie nicht verstehe "warum man die offen gebliebenen Fragen des Films erklären will". Für ihre Nachfolgerin, die große Schauspielerin Bulle Ogier, fällt de Oliveira leider nicht wirklich viel ein.

Als Severin schließlich bei einem zufälligen erneuten Wiedersehen auf der Straße zu einem Treffen einwilligt, kommt es zu einem abendlichen, intimen Candle-Light-Dinner in einem vornehmen Hotel oder Restaurant. Dieses Kammerspiel ist zwar grandios düster ausgeleuchtet und gibt Piccoli Gelegenheit, eine brillante kleine Sadismus-Studie abzuliefern, aber Bulle Ogier hat kaum Möglichkeit, dagegen zu halten. Eine Fülle feiner Anspielungen und Querverweise (inklusive der doppeldeutigen Versicherung Severines, nicht mehr dieselbe zu sein wie einst, und dem Wiederauftauchen der geheimnisvollen Schatulle) wird allerdings dafür sorgen, dass nicht nur Masochisten und Sadisten, sondern auch Cineasten ihre Freude haben werden.

Michel Piccoli taucht übrigens auch in Manoel de Oliveiras dreiminütigem Beitrag für den Cannes-Jubiläumsfilm "Chacun son Cinema" auf. In einer höchst eigenwilligen Schwarz-Weiß-Stummfilmszene spielt er den sowjetischen Staatschef Nikita Chruschtschow bei einer Begegnung mit Papst Johannes XXIII. Regisseur de Oliveira scheint seine Altersrolle gefunden zu haben: die cineastische Sphinx.

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