Attenberg

Drama, GR 2010
Experimentale Liebesspiele

Experimentale Liebesspiele

Kalt, trist und grau - so abstoßend und abseits jeglicher Urlaubsidylle ist Griechenland ungeachtet aller Wirtschaftsprobleme selten zu sehen. In diesem grauen Niemandsland findet sich Marina (Ariane Labed), die Protagonistin von "Attenberg", dem neuen Film von Regisseurin, Drehbuchautorin und Produzentin Athina Rachel Tsangari, der am 14. Jänner in Österreich anläuft.

Die 23-Jährige Protagonistin, mit ihrer Sexualität und dem Alltag in der gesichtslosen Arbeiterstadt fremdelnd, fokussiert sich ganz auf ihren an Krebs sterbenden Vater. Tsangari setzt dabei auf lakonische Inszenierung, die immer wieder am Absurden anschrammt, Performance- und Tanzelemente aufnimmt und auf diese Weise eine eigene, leicht klaustrophobisch abgehobene Welt kreiert. Dabei wechseln sich lange Sequenzen zwischen Marina und ihrer besten Freundin Bella (Evangelia Randou) ab mit performativen Zwischenschnitten, wenn die beiden Frauen in spießigen Arbeitskleidern derart über ihren Pausenhof stolzieren, dass Monty Pythons Ministerium für alberne Gänge seine wahre Freude hätte. Beim gemeinsamen Flanieren im Abendrot sinnieren die Freundinnen über den Traum von Penisbäumen und üben sich in kleinen Ausdruckstanzelementen. An anderer Stelle imitieren die Protagonistinnen balzende Möwen oder Affen. Die Figuren bleiben dabei allerdings Prototypen, in ihrer Sprachlosigkeit und Mimikarmut wenig miteinander verhaftet, emotionale Satelliten ohne Beziehung zueinander.

So vollführen die beiden Freundinnen zum Auftakt einen der skurrilsten, unerotischsten Küsse der Filmgeschichte - die virile Bella soll die Jungfrau Marina das Küssen lehren, was mit wenig Anmut und dafür umso abstoßenderen Geräuschen erfolgt. "Wie fühlt sich meine Zunge an?", so die Frage der einen. "Wie eine Schnecke - es ist ekelhaft", die Antwort der zweiten, der man als Zuschauer nur zustimmen kann. Auch Marinas Umsetzung der gewonnen Erkenntnisse mit einem Tischfußballspieler erfolgt abseits jeglicher Erotik und zugleich ohne jede Peinlichkeit, ungeachtet aller Eindeutigkeit - aber Archetypen strahlen offensichtlich nichts Erotisches aus, auch wenn sie Sex haben. Immerhin nähert sich die 23-Jährige so sukzessive dem Erwachsenwerden, zumal ihr Vater letztlich stirbt.

Bei den Kritikern fällt das lakonische Sezieren einer Becoming-of-Age-Geschichte auf fruchtbaren Boden. Hauptdarstellerin Ariane Labed, als Kind französischer Eltern in Athen geboren und in Deutschland, Griechenland und Frankreich aufgewachsen, erhielt für ihre erste Filmrolle bei den Filmfestspielen in Venedig gleich den Preis als beste Darstellerin. Und auch bei der Viennale fand sich der griechische Film im offiziellen Programm.

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