1001 Nacht - Trilogie

Drama, P/F/D/CH 2015
Eine Herausforderung an ein cinephiles Publikum

Eine Herausforderung an ein cinephiles Publikum

Es ist ein Fantasiefeuerwerk, das Miguel Gomes mit dem sechsstündigen Gesellschaftspanorama "1001 Nacht - Trilogie" auf die Leinwand zaubert. Gleichzeitig ist das surreale, teils ins Groteske verzerrte, teils berührend wahrhaftige portugiesische Panoptikum vielleicht der bisher treffendste künstlerische Kommentar zur europäischen Austeritätspolitik.

Ganz einfach ist es nicht, in das monumentale Triptychon mit seiner ungewöhnlichen Struktur und seinen schier unzähligen Verweisen, Referenzen und Metaphern reinzukommen. Und Gomes selbst scheint anfangs nicht sicher zu sein, ob sein Plan aufgeht, spielt er doch zu Beginn einen depressiven Regisseur, der vor seiner Crew und dem gemeinsamen Großprojekt davonläuft, während eine Off-Stimme von entlassenen Werftarbeitern und einer Wespenplage berichtet.
Mit dieser Einleitung beginnt erst das eigentliche Unternehmen, das ein geneigtes cinephiles Publikum im großen Stil staunen machen wird. Gomes übersetzte mit einem Team von Drehbuchautoren Zeitungsartikel und politische Berichterstattung aus einem Jahr (2013/14) in satirische bis surreale, moderne bis archaische, poetische bis journalistische Episoden im Stile von "1001 Nacht" - eine Scheherazade im gebeutelten zeitgenössischen Portugal.
Die erste Episode ist denn auch gleich die bissigste, wenn die impotente portugiesische Politspitze mit nicht weniger impotenten Vertretern der europäischen Finanzinstitutionen über Budgetkürzungen verhandelt und der Traum einer Alternative zur Sparpolitik mit Dauererektionen einhergeht. Die Geschichten werden in Folge nicht weniger abenteuerlich, etwa jene über einen Hahn, der zu früh kräht, weswegen seine Besitzer sich vor Gericht verantworten müssen.
Zwischen den erschütternden und authentischen Berichten von Menschen, die in der Krise ihren Job verloren haben, rückt im zweiten Teil eine theatrale Gerichtsverhandlung in einem Amphitheater ins Zentrum, in dem eine Richterin angesichts einer Reihe von Geständnissen unterschiedlichster Charaktere - u.a. eines Flaschengeists, der an die Wünsche seines Herren gebunden ist - verzweifelt. Es ist die längste und eindrucksvollste Episode eines wahrhaft bereichernden Films.
Der letzte Teil funktioniert letztlich fast ohne Dialog und mehr mit Textinserts nach dem berühmten arabischen Vorbild, eine Symphonie von Bildern, Tönen und Geschichten aus unterschiedlichsten Epochen und Kulturen, immer wieder versetzt mit Figuren aus "1001 Nacht" (wie Sindbad, der sich über die Verschmutzung des Meeres ärgert, als eine Kanne mit Flaschengeist ins Wasser geworfen wird) und mit tragischen, komischen und fantastischen Alltagselementen angereichert.
Der Film erzähle "Geschichten von Armen und Reichen, Mächtigen und Unbekannten, Kindern und Alten, Menschen und Tieren", sagte Miguel Gomes im Rahmen der Premiere des Films in der "Quinzaine des Realisateurs" in Cannes.

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