Apocalypse Now – Final Cut

Kriegsfilm, USA 2019

Apocalypse now - Final Cut

Das American Film Institute zählt Francis Ford Coppolas Antikriegsfilm um den Einsatz der Amerikaner im Vietnamkrieg zu den 100 besten Filmen aller Zeiten. Zum 40-jährigen Jubiläum hat Regielegende Francis Ford Coppola sein Meisterwerk aufwendig restauriert und neu geschnitten. – Ein Muss für alle, die das Vietnamkriegs-Epos frei nach Joseph Conrads Herz der Finsternis (noch einmal) im Kino erleben wollen!

In den Wirren des Vietnamkriegs erhält Captain Willard (Durchbruch für Martin Sheen!) einen heiklen Auftrag. Er soll den außer Kontrolle geratenen Colonel Kurtz (Marlon Brando) liquidieren. Der US-Offizier hat sich tief im Dschungel Kambodschas sein privates Terrorreich erschaffen. Die Bootsfahrt dorthin wird für Willard und seine Handvoll Männer zum albtraumhaften Trip durch die tiefsten Abgründe der menschlichen Seele …

Wie alles begann …

Als der damals gerade 40 Jahre alt gewordene Francis Ford Coppola am 24. Mai 1979 in Cannes die Goldene Palme für seinen Antikriegsfilm Apocalypse Now überreicht bekam, sah er aus wie 60. Er hatte zwar einen Meilenstein geschaffen, den man noch Jahrzehnte später leidenschaftlich loben, diskutieren und analysieren würde (was damals noch keiner wusste) und der als einer der einflussreichsten Filme des 20. Jahrhunderts gilt. Aber die Reise von den ersten Ideen bis schlussendlich ins Scheinwerferlicht von Cannes war nicht minder verrückt, verrückt machend, anarchisch und drogengetränkt als der Vietnamkrieg selbst, den Coppola lose auf Basis von Joseph Conrads Roman Herz der Finsternis (plus Berichten von Kriegsberichterstatter Michael Herr) thematisierte. Es sollte die 13 Millionen Dollar (großteils Coppolas eigenes Geld, das er durch die drei Pate-Filme verdient hatte) teure Schilderung der Expedition von Captain Willard werden, der den Befehl erhält, mit kleinem Team flussaufwärts nach Kambodscha zu fahren und dort den abtrünnigen Colonel Kurtz zu liquidieren. Ein psychodelischer Trip an alle Grenzen – auch in der Realität des Drehs 1976/77:

  • Nach zwei Wochen erkannte Coppola, der dauernd das kompakte Drehbuch von John Milius umschrieb und erweiterte, dass Hauptdarsteller Harvey Keitel als Willard nicht passte; er feuerte ihn, engagierte Martin Sheen und begann von vorne.
  • Durch die Verzögerung drohte Marlon Brando, der Colonel Kurtz spielte, abzuspringen und seinen siebenstelligen Vorschuss zu behalten. Als er dann doch kam, war er nicht der geforderte asketisch-abgemagerte Einsiedler, sondern wog 130 Kilogramm …
  • Auch anderes „schweres Gerät“ erwies sich als unsichere Sache. Militärisch wurde der Film von Armee und Luftwaffe der Philippinen (ohnehin von den USA ausgerüstet, also alles passend) freudig unterstützt. Doch die Truppen befanden sich damals im Kampf mit Rebellen, und es passierte immer wieder, dass Hubschrauber oder Fahrzeuge mitten im Dreh zum echten Kampfeinsatz abrücken mussten.
  • Gleich zweimal fegten Tropenstürme die Sets auf den Philippinen weg, was weitere Verzögerungen des immer weiter ausufernden Projekts bedeutete. Die Wartezeiten waren (fast) tödlich: Die unterforderte, aber luxuriös versorgte Riesencrew verfiel in einen „apokalyptischen“ Drogen- und Alkoholkonsum, als wäre sie selbst der kambodschanische Dschungelstamm von Col. Kurtz. Coppola hatte zwar Frau und Kinder dauernd am Set, begann aber trotzdem ein schlecht getarntes Pantscherl mit einer Assistentin, was die Stimmung weiter auflud. Das Projekt war zu einer Art Sekte geworden. Als man Drehbuchautor John Milius, ein Macho-Raubein vor dem Herrn, zu Coppola schickte, um ihm zu erklären, dass alles vorbei sei, kam er nach zwei Stunden Gehirnwäsche zurück und verkündete, dass alles so laufe, wie es sein müsse.
  • Als Martin Sheen (Papa von Charlie und in Sachen Exzess eindeutig seines Sohnes mehr als würdig!) beim Joggen mit einem Herzinfarkt umfiel, dachten alle, nun sei es endgültig vorbei – es dauerte Wochen, bis Sheen wieder drehen konnte. Seine erste Szene etwa, als er im Hotelzimmer liegt, auf den Ventilator blickt und auszuckt, absolvierte er im Vollrausch. Jedenfalls hatte Apocalypse Now am Ende fast 240 Drehtage plus Monate der Unterbrechungen benötigt; das Budget war auf fast 40 Millionen explodiert. Coppola musste danach Mainstream-Werke drehen, um sich zu sanieren. Sein Fazit damals: „Wir waren im Dschungel, wir waren zu viele, wir hatten zu viel Geld und zu viele Geräte; nach und nach wurden wir alle verrückt.“

Der Drang nach Perfektion

Die ursprüngliche Schnittfassung von 1979, 153 Minuten lang, bekam zwei Oscars (bei acht Nominierungen), drei Golden Globes und spielte 120 Millionen Dollar ein. Doch Coppola war immer noch besessen von seinem Film und dem Drang zur Perfektion – und unzufrieden. 2001 kam daher eine restaurierte und um 50 Minuten längere Director’s-Cut-Fassung mit 202 Minuten heraus: Apocalypse Now Redux, die den Kult und die Diskussionen über Werk und Vietnam erneut hochgehen ließ. Jetzt, zum 40. Geburtstag des Epos, hat der Regisseur endlich jene Fassung gefunden, die auch ihn zufriedenstellt. Beim Tribeca-Filmfest stellte er seinen Final Cut vor: drei Stunden und drei Minuten lang. Und der läuft nun in kleiner Kopienanzahl sogar wieder in den österreichischen Kinos.

Hype um Richard Wagner

Und es gab noch einen skurrilen kleinen kulturellen Nebeneffekt, den Apocalypse Now während seiner Laufzeit in den Kinos hatte, vor allem zwischen 1979 und 1980: Plötzlich stiegen die Verkäufe von Schallplatten-Aufnahmen der Richard-Wagner-Oper Die Walküre spürbar an, denn das weltweite Publikum zeigte sich fasziniert vom Walkürenritt, dem wuchtigen Orchestervorspiel zum dritten Akt der Oper, zu dem die US-Kampfhubschrauber ein Küstendorf beschießen – damit die GIs nachher dort surfen können. Eine Kombination, die sich Francis Ford Coppola übrigens von der Propagandamaschinerie der Nazis abgeschaut hatte. Als nämlich 1941 deutsche Kriegswochenschauen die Eroberung von Kreta durch Fallschirmjäger und die Zerstörung sowjetischer Bahnanlagen durch die Luftwaffe feierten, dröhnte dazu der Walkürenritt in den Kinos …

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