‚Amerikanisches Idyll‘: Meine Tochter, die Terroristin

Krimi/Drama, USA 2016

Die Levovs erfahren von der Polizei die Wahrheit über ihre Tochter

Nach einem Roman von Philip Roth, für den er den Pulitzer-Preis bekam: Wie das Leben eines typischen Amerikaners in den 60ern in die Brüche geht

Was ist das amerikanische Idyll - zumindest für einen weißen Durchschnittsbürger? Es ist vermutlich das Leben, das Seymour Levov, genannt „der Schwede“, im New Jersey der 50er und 60er Jahre lebt. In der Highschool ist er der Supersportler, großartig in Baseball, Basketball und auch Football, später heiratet er eine warmherzige und wunderschöne Frau (Jennifer Connelly), die einen Miss-Titel in der Tasche hat; die gemeinsame Tochter Merry gleicht einem blonden Engel. Nach dem College übernimmt er mit Erfolg die Handschuhfabrik seines Vaters (auf die Religion, er ist Jude, legt er aber nicht so viel Wert wie sein Dad). Und wer das Grundstück der Levovs betritt, sieht ein wunderschönes Haus, ein weites, offenes Stück Land, auf dem Pferde galoppieren und glückliche Kühe grasen. Das amerikanische Idyll also?

Merry, der Engel ist nicht ganz so engelhaft

Doch natürlich ist nichts perfekt, und dass es Risse gibt in dieser Welt, zeigt sich an Tochter Merry. Das so süße Mädchen stottert nämlich. Was an sich nichts Negatives ist, doch die Therapeutin, bei der die Kleine in Behandlung ist, glaubt, dass ihre Sprachstörung psychischer Natur ist, und dass sie darunter leidet, die Tochter einer Schönheitskönigin zu sein. Kurze Zeit später folgt ein weiterer verstörender Moment für Seymour, als er mit seiner Tochter allein ist. Das Mädchen, immer noch ein Kind, bittet seinen Vater um einen Kuss. Einen richtigen, kein Bussi. Natürlich lehnt er ab.

Ist Merry eine Terroristin?

Jahre später, wir sind jetzt mitten in den 60er-Jahren, hält die Politik Einzug bei den Levovs. Vietnamkrieg, Rassenunruhen, Selbstverbrennungen. Merry (jetzt Dakota Fanning) beschimpft den damaligen US-Präsidenten aufs Übelste, in New York trifft sie sich mit Hippies, die zur Revolte auf die Straßen drängen. Seymour ist ratlos, wie er ihrem Zorn, der sich mehr und mehr auch gegen ihn und seine Frau richtet, begegnen soll. Sein Ratschlag für Merry: „Vergiss New York, du kannst auch hier gegen den Vietnamkrieg demonstrieren.“ Und das tut die junge Frau dann auch: Das hiesige Postamt explodiert, ein Familienvater stirbt, Merry verschwindet von der Bildfläche.

Verstörendes Katz-und-Maus-Spiel

Beweise ihrer Schuld fehlen zwar, aber tief drinnen ahnen ihre Eltern, dass sie die Täterin war. Plötzlich tauchen Regierungsbeamte mit langen Mänteln und tief sitzenden Hüten (haben die wirklich so ausgesehen oder ist das ein Filmklischee?) bei den Levovs auf, und stellen ihr Haus auf den Kopf. Dann meldet sich eine junge Frau (Valorie Curry), die behauptet zu wissen, wo Merry sich befindet. Ein Katz-und-Maus-Spiel beginnt, das Seymour beinahe um den Verstand bringt und seine Ehe klassisch zerstört, die Fassade bleibt aber vorerst aufrecht. Eines Tages sieht Seymour seine Tochter tatsächlich wieder.

Solides Regiedebüt von Ewan McGregor

Amerikanisches Idyll gilt als Herzensprojekt Ewan McGregors. Als Hauptdarsteller stand er schon seit Jahren fest; dass er auch hinter der Kamera stehen würde, ergab sich spontan, weil der ursprüngliche Regisseur ausstieg. Verfilmt hat der 45-jährige Brite Roths bejubelte Vorlage konventionell, ohne große Vision, aber nicht schlecht. Nur die Rassenunruhen in Newark, New Jersey, sind etwas plump geraten, und die Archivaufnahmen von Woodstock und der Mondlandung hätten auch nicht sein müssen. Wir wussten auch so, dass es die 60er sind.

Einige Themen aus dem Buch wurden weggelassen (sicher der Laufzeit zuliebe), Merry war in der Vorlage stark übergewichtig und kein feengleiches Wesen, und McGregor ist als US-Sportheld nicht ideal besetzt. An den Schauspielern liegt es aber nicht, dass Amerikanisches Idyll nur ein solides Drama geworden ist. Im Netflix//HBO-Zeitalter ist es zwar leicht, das zu behaupten, aber eine Serie hätte der vielschichtigen Vorlage eher Rechnung getragen.

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