Above and Below

Dokumentation/Abenteuer, CH/D/USA 2015

Die Eroberung des Mars simulieren

Ein Film wie ein Kunstwerk: Nicolas Steiners Dokumentarfilm "Above and Below" über Menschen, die - auf sehr unterschiedliche Art und Weise - am Rande der US-amerikanischen Gesellschaft leben, betört durch sein atemberaubendes Zusammenspiel von Bildern und Musik.

Cindy, Rick und Lalo leben in den Flutkanälen der Wüstenstadt Las Vegas. Dave nennt einen heruntergekommenen Wüstenbunker in der kalifornischen Einöde sein Zuhause. Kriegsveteranin April wandelt in einem Raumanzug durch die karge Landschaft Utahs, weil sie dereinst auf den Mars auswandern will. Die fünf leben alle auf ihre Art am Rande der US-amerikanischen Gesellschaft, in räumlichem Sinne ebenso wie in übertragenem.

Der Schweizer Regisseur Nicolas Steiner ("Kampf der Königinnen") hat seine Protagonisten in ihren eigenwilligen Lebenswelten besucht und begleitet. Rick und Cindy etwa, die ihr Obdach in einem Flutkanal mit Abfall und Liegengelassenem so gemütlich wie möglich einrichten - bis der nächste Regen das Hab und Gut des Ehepaars wegschwemmt und es sich von Neuem das Nötigste zusammensuchen muss. Manchmal bedroht die Flut die beiden sogar an Leib und Leben.

Und trotzdem ist zuweilen so etwas wie Glück spürbar im Leben des Paares. Etwa wenn Cindy über ihre Liebe zu Rick spricht und erklärt, wie wichtig es sei, sich jeden Tag zu küssen. Oder wenn sie erzählt, dass die Nagellackfarbe ihre jeweilige Tagesstimmung spiegle. Fast vergisst man dabei, wie die beiden leben - und erinnert sich erst wieder daran, wenn Cindy, mit Drogen zugedröhnt, mit Rick streitet.

Steiners Protagonisten sind alle irgendwie Freaks. Nur teilweise selbst verschuldet sind sie ins Abseits geraten, in einer Gesellschaft, die Menschen wie ihnen keinen Platz einräumt. Das tut dafür der Regisseur: Er gibt seine Protagonisten, alle auf ihre ganz eigene Weise kluge und reflektierte Menschen, kein einziges Mal der Lächerlichkeit preis und begegnet ihnen mit großem Respekt.

Steiner erzählt die Geschichten von Rick, Cindy, Dave, April und Lalo ohne viele Worte, dafür mithilfe von kunstvollen Bildern (Kamera: Markus Nestroy) und Klängen (Musik: Paradox Paradise). In seiner Bildsprache erhalten die dreckigen, düsteren Kanäle plötzlich einen mystisch-romantischen Anstrich, die tote, ausgetrocknete Wüste erstrahlt in ungeahnter Schönheit. Das Zusammenspiel von Musik und Bild entwickelt in "Above and Below" einen Sog, der sonst eigentlich spannenden Spielfilmen vorbehalten ist.

Steiner spielt in seinem Film auch mit räumlichen Richtungen: Im Untergrund leben Rick, Cindy und Lalo, in Richtung All möchte April abziehen. Sinnbild für das Oben und Unten, welche das Leben mit sich bringt, ist eine Achterbahnfahrt, die sich Rick und Cindy in der Vergnügungsoase Las Vegas gönnen.

"Above and Below" wurde an zahlreiche Filmfestivals auf der ganzen Welt eingeladen, gewann unter anderem den Preis der Zürcher Filmstiftung und war für den "Prix de Soleure" der Solothurner Filmtage nominiert. Dabei ist das Werk Steiners Diplomfilm, der Walliser studierte in Dänemark, Deutschland und zuletzt in San Francisco, wo er auch auf seine Filmidee stieß.

Die US-Filmmagazin-Koryphäe "Variety" zählte den Film zu den Entdeckungen des Jahres, zudem ist er nominiert für den Deutschen wie auch den Schweizer Filmpreis als bester Dokumentarfilm. Viel Ehre für einen Film, an dessen Konzept Steiners Ausbildner zuerst gezweifelt hatten, wie der Regisseur in einem Interview der "Mittellandzeitung" erzählt hatte. Ein Glück, hielt der 31-jährige Filmemacher an seinem Vorhaben fest: Sein Gesamtkunstwerk rechtfertigt jeden gewonnenen Preis.

Kinotipps
Zwei wie Pech und Schwefel

„Zwei wie Pech und Schwefel“ [KINOTIPP]

Weil eine Schlägertruppe ihren neuen Strandbuggy demoliert hat, lassen Bud Spencer und Terence Hill die Fäuste sprechen

Kinotipps
Red Rocket

„Red Rocket“ [KINOTIPP]

Ex-Pornostar Simon Rex lässt Los Angeles hinter sich und geht zurück nach Texas

Kinotipps
Loving Highsmith

„Loving Highsmith“ [KINOTIPP]

Porträt der Krimiautorin Patricia Highsmith, die mit „Zwei Fremde im Zug" und „Der talentierte Mr. Ripley“ Weltliteratur schrieb

Kinotipps
The Lost City - Das Geheimnis der verlorenen Stadt

„The Lost City – Das Geheimnis der verlorenen Stadt“ [KINOTIPP]

Sandra Bullock, Channing Tatum, Brad Pitt und Daniel Radcliffe auf Abenteuerreise im Dschungel

Kinotipps
Alles ist gutgegangen

„Alles ist gutgegangen“ [KINOTIPP]

Nach dem Schlaganfall ihres Vaters müssen sich Sophie Marceau und Géraldine Pailhas mit dem Thema Sterbehilfe auseinandersetzen

Kinotipps
Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush

„Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“ [KINOTIPP]

Deutsch-türkische Mutter kämpft um die Freilassung ihres Sohnes aus dem Gefangenenlager Guantánamo!