24 Wochen

Drama, D 2016

Austragen oder Abtreiben?

Der wiederholte Blick in den Mutterleib gehört in unserer medizinisch fortschrittlichen Welt längst dazu. Mit den Folgen einer etwaigen erschütternden Diagnose beschäftigen wir uns im Vorfeld nicht. Die deutsche Regisseurin Anne Zohra Berrached will mit "24 Wochen" eine ehrliche Diskussion anstoßen - und tut das mit einem so bildgewaltigen wie berührenden Film.

Mit bereits kugelrundem Bauch betritt die Kabarettistin Astrid (Julia Jentsch) die Bühne. "Fällt ihnen an mir etwas auf? Richtig, ich habe neue Schuhe!" Ihr noch ungeborenes, zweites Kind ist ebenso Teil ihres Comedy-Programms wie die Beziehung zu ihrem Ehemann und Manager Markus (Bjarne Mädel); selbstbewusst steht das Paar im Leben. Als bei einer Untersuchung im sechsten Schwangerschaftsmonat bei ihrem Kind Trisomie 21 festgestellt wird, weicht die anfängliche Verzweiflung daher auch bald einem gemeinsamen Mantra: "Wir kriegen das hin."

Als ihr Umfeld verstört und tränenreich reagiert, halten die beiden daran fest, lehnen die Möglichkeit eines späten Schwangerschaftsabbruchs ab. "Man muss solche Kinder heute nicht mehr auf Biegen und Brechen bekommen", sagt Astrids Mutter. "Wir lieben Stress", sagt Markus. Er ist derjenige, der sich auch von der zweiten schwerwiegenden Diagnose kurz darauf bestärkt fühlt: Das Kind wird mit einem schweren Herzfehler zur Welt kommen, unmittelbar danach mehrere komplizierte Operationen brauchen und nie ganz gesund sein. Astrid wird unsicher, zieht sich zurück - erst aus ihrem Beruf, dann auch aus der Beziehung. Und während der Bauch runder wird, schwinden die Entscheidungsmöglichkeiten...

"24 Wochen" setzt Astrids Entscheidung an die titelgebende, kritische Stelle: Spätestens ab der 24. Schwangerschaftswoche ist ein Kind außerhalb der Gebärmutter lebensfähig, sprich: Es stirbt nicht an den Qualen der Frühgeburt, sondern muss im Vorfeld durch eine Spritze ins Herz getötet werden. Astrid und Markus sind sich der Tragweite dieser Entscheidung bewusst, überlegen lange und eingehend, kommen dann aber zu unterschiedlichen Ansichten. Ganz egal, wie man sich zu dieser so existenziellen Frage positioniert, ist dieser Film eine Wucht, die betroffen macht.

Das liegt nicht zuletzt daran, dass Anne Zohra Berrached wie schon bei ihrem Erstlingsfilm "Zwei Mütter" (2013) über den Kinderwunsch eines lesbischen Paares halbdokumentarisch gearbeitet hat: Vor Handkamera agieren reale Ärzte, Hebammen und Kabarettisten; das grandiose Hauptdarstellerpaar improvisiert auf Basis deren Handlungen und des Drehbuchs von Carl Gerber. Das erlaubt eine überaus einfühlsame und unmittelbare Erzählung, bei der das Tempo auch einmal ins Stocken geraten kann, die Dialoge emotionsgeladen und roh wirken, die Atmosphäre zunehmend beklemmend wird.

Berrached gelingt es, das verzweifelte Ringen um eine Entscheidung, die einem niemand abnehmen kann, zu verbildlichen. Sind die Szenen im klinischen Bereich nüchtern gestaltet, finden sie und Kameramann Friede Clausz für die intimen Momente eine verträumte Bildsprache, gestalten kritische Szenen wiederum völlig unpathetisch: Etwa, wenn Astrid, Markus und die neunjährige Tochter Nele junge Menschen mit dem Downsyndrom treffen, die leben, weil sich ihre Eltern bewusst für sie entschieden haben.

Julia Jentsch überzeugt mit einer so stillen wie kraftvollen Performance, zeigt Astrid mutig und ängstlich zugleich in einer Notsituation, und bezieht den Zuschauer unerbittlich mit ein: In vereinzelten Momenten, in denen sie direkt in die Kamera blickt, bricht der Film mit seinem auf Authentizität bedachten Stil. "Ich wollte, dass der Zuschauer angesprochen und gefragt wird: Was würdest du tun, wenn du in meiner Situation wärst?", sagte Berrached im APA-Interview. Der Kloß im Hals, der wächst jedenfalls mit jedem weiteren Blick, jeder weiteren Szene. Und die Frage ohne Antwort nimmt man mit nach Hause.

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