‚Sully‘: Das Leben nach der großen Landung

Drama, USA 2016

Hätte Sully die gefährliche Notwasserung vermeiden können?

Wahre Geschichte: Clint Eastwoods Aufarbeitung der berühmten Notwasserung des Fluges 1549 auf dem Hudson erweist sich als kompaktes, hoch verdichtetes Qualitätskino auf allen Ebenen - ein Lehrstück für Filmemacher

Am Nachmittag des 15. Jänner 2009 hebt ein Airbus A 320 der Fluglinie US Airways vom New Yorker Inlandsflughafen La Guardia ab und schraubt sich zügig in den Himmel; Ziel der 150 Passagiere und fünf Besatzungsmitglieder ist der Charlotte Douglas International Airport in North Carolina. Am Sidestick des Routine-Inlandflugs, wie er in den USA täglich tausendfach absolviert wird, sitzt der damals 58-jährige Chesley B. Sullenberger (Tom Hanks). Seit über 40 Jahren ist er in der Luft, hat als Linienpilot mehr als eine Million Passagiere vorfallfrei transportiert. An seiner rechten Hand prangt der nicht eben dezente blaue Ring, den die Absolventen der United States Air Force Academy erhalten -in seinen wilden Jahren hat „Sully“ als Kampfpilot Schlachtrösser wie die F4-Phantom gebändigt.

...und dann kam der Vogelschwarm

Der Airbus ist gerade eine Minute in der Luft und hat noch keine 1.000 Meter Höhe erreicht, als das Unvorhergesehene passiert: Ein Vogelschwarm kreuzt den Kurs, einige der Tiere kollidieren mit der Maschine, treffen die Triebwerke. Der Steuerbord-Motor ist sofort Schrott, wenige Sekunden später liefert auch das Backbord-Aggregat keinen Schub mehr. Nach einer Schrecksekunde beginnen Sully und sein erster Offi zier Jeff Skiles (Aaron Eckhart) mit den Gegenmaßnahmen: Neustartversuch, Systemcheck, das von Airbus vorgeschriebene Prozedere, wenn beide Motoren ausfallen - nur um nach einer halben Minute festzustellen, dass nichts mehr hilft. Zum Umdrehen nach La Guardia ist es zu spät, auch die Ausweich-Landebahnen im nahen New Jersey, die von der Flugsicherung alarmiert wurden, sind nach Sullys Gefühl im Gleitflug nicht mehr zu erreichen.

Das Wunder passiert

Also entscheidet er sich dafür, den waidwunden Vogel auf dem Hudson River aufzusetzen. 208 Sekunden nach dem Start klatscht das Passagierflugzeug in den fünf Grad kalten Fluss. Und das Wunder passiert: Die Maschine bricht bei der irren Verzögerung des Eintauchens nicht auseinander, alle 155 Insassen überleben und können von heraneilenden Passagierfähren und der Strompolizei geborgen werden; nur fünf erleiden Verletzungen. Sully, der noch zweimal checkt, ob niemand mehr an Bord ist, ehe er selbst als Letzter das Flugzeug verlässt, wird zum Volkshelden der Massen.

Sully im Visier der Behörden

Noch nie hat jemand einer derartige Wassernotlandung mit so einem großen Flieger geschafft, die Nachricht von der Ruhmestat geht um die Welt. Plötzlich ist der weißhaarige, zurückhaltende Texaner ein Medienstar, was gar nicht seiner Natur entspricht. Er kann auch nicht nach Hause zu seiner Frau (Laura Linney), deren Haus von Reportern belagert ist und die durch die Mischung aus Stolz auf ihren Mann, Hilflosigkeit wegen der Reporter und Angst davor, dass Sully seinen Job und die Familie dann das Haus verlieren könnte, an den Rand der Hysterie gedrängt wird. Denn die Versicherung der Airline und die Bundes-Luftfahrtbehörde, die den Vorfall untersucht, nehmen Sully ins Visier. Laut Meinung von Experten und deren Computersimulationen hätte es Sullenberger nämlich leicht gelingen müssen, den Airbus umzudrehen und sicher in La Guardia notzulanden, anstatt einen materiellen Totalschaden mit unwägbarem Sicherheitsrisiko im Hudson zu produzieren. Eben erst hat der unter Albträumen leidende Sully ein unmögliches Heldenstück vollbracht -und jetzt braucht er noch mal ein Wunder, um seinen Kopiloten und sich vor den sturen Beamten, die ein Exempel statuieren wollen, zu retten

Der Hype von 2009

Jeder, der damals nicht auf einer einsamen Insel gestrandet war oder gerade im Koma lag, kennt die Bilder dieses Vorfalls und das Gesicht des schlaksigen Texaners mit den weißen Haaren und dem markanten Bart. Jeder weiß, wie es ausgegangen ist, also wo soll da bitte Raum sein für Spannung, Überraschungen und die für eineinhalb gelungene Kinostunden nötigen Wendungen? Eine berechtigte Frage vor der Vorstellung -von der aber nichts übrig bleibt, wenn man nach 96 Minuten dem sanften Klavierabspann (komponiert von Clint Eastwood) lauscht und versucht, den Mund wieder zuzubekommen. Denn der Altmeister am Regiesessel hat gemeinsam mit Autor Todd Komarnicki das Kunststück geschafft ,die große Geschichte nach dem Crash anzusiedeln. Obwohl die Notlandungssequenz atemberaubend ist, stellt sie nur einen kleinen Teil der Handlung dar, auch wenn wir sie öfter sehen.

Clint Eastwoods Trickkiste

Der große Inszenierungstrick besteht darin, die entscheidenden Momente im Rückblick aus verschiedenen Blickwinkeln zu zeigen - aber nie aus Lust an der Action oder weil man so schöne CGI-Aufnahmen zusammengerechnet hat, sondern weil immer eine neue Erkenntnis damit verbunden ist. Und auch in den überwiegenden ruhigen Momenten lässt Eastwood nie Stillstand der Handlung, kein Gramm Fett bei der Inszenierung zu. Dass Tom Hanks, der zuletzt durch die eher enttäuschende Dan-Brown-Räuberpistole Inferno hetzen musste, hier seine ganze schauspielerische Qualität ausspielen kann, ist die Torte. Glasur und Schlagobersgupf darauf ist ein von Eastwood perfekt ausgewählter Qualitätscast, der bei allem „Bigger than Life!“-Gefühl dieses auch visuell großartigen (und modernen) Films stets das Gefühl gibt: Hier sind echte Menschen am Werk, keine ehrgeizigen Schauspieler (einzige Ausnahme, wenn man ein Haar in der Suppe finden will, ist Aaron Eckharts affiger Schnurrbart, aber zu viel Perfektion wäre ja auch beängstigend).

Fazit: Kleines Meisterwerk

Ein begnadeter Handwerker von 86 Jahren führt wieder einmal vor, wie spannend, ergreifend und mitreißend ein Film sein kann, wenn man sich auf Story, Figuren und Schauspieler verlässt und auf Schnörkel und Effekthascherei verzichtet. Bitte mehr von dieser Art!

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