Passengers: Gestrandet im Weltraum

Abenteuer/Drama, USA 2016

Jim und Aurora wurden zu früh aus der Kältestarre geweckt

Chris Pratt und Jennifer Lawrence auf einer Reise zu einem anderen Planeten, deren Ende sie wohl nicht erleben werden können: Sci-Fi-Kammerspiel der etwas anderen Art.

Darum geht es in ‚Passengers‘:

Lautlos rotiert das luxuriöse Kolonie-Raumschiff Avalon mit knapp unter Lichtgeschwindigkeit durchs Weltall. Seit rund 30 Jahren ist es unterwegs, mit tausenden Passagieren und hunderten Besatzungsmitgliedern an Bord. Aber es ist still in den glänzenden Hallen, den cool designten Suiten und den Kommando-Decks. Denn alle schlafen in ihren Lifepods den langen, langen Schlaf der interstellaren Reise zum Siedlungsplaneten Homestead 2. Erst in 90 Jahren, einige Monate vor dem Eintreffen auf der neuen Erde, werden alle automatisch geweckt und die Avalon mit echtem Leben erfüllen.

Bis dahin rollen nur die allgegenwärtigen Saugroboter durch die Gegend, die das Schiff die nächsten Jahrzehnte staubfrei halten sollen - bis auf eine Ausnahme. Mechaniker Jim (Chris Pratt) wurde durch einen Systemfehler viel zu früh geweckt. Jetzt ist er allein in dem Riesenschiff, das er zu erforschen beginnt. Und er sucht die Ursache für diesen Irrtum: Warum wurde in seinem Pod die Aufwachfunktion aktiviert, wenn noch 90 Jahre Reise vor der Avalon liegen? Obwohl er viel kann, scheitert er daran, in die Kommandoebenen vorzudringen, weil er nur Passagier quasi der Holzklasse ist. Darum gibt es auch keine Luxus-, sondern nur die Grundmahlzeiten aus den Automaten im Speisebereich.

Trotzdem verschafft er sich Zutritt zu einer der feinen Suiten, in der er von jetzt an lebt. Oder besser vegetiert, denn ohne Gesellschaft, ohne Aufgabe, dafür via riesiger Panoramafenster stets mit der zwar wunderschönen, aber auch einschüchternden Unendlichkeit des Alls konfrontiert, dreht Jim langsam durch. Seine einzige Ansprache ist Arthur, ein freundlicher Androide, der hinter der Bar bedient und mit dem eine minimale Konversation möglich ist. Immer wieder schleicht er um die Schlafboxen seiner Mitreisenden, in denen sie sichtbar wie in gläsernen Schneewittchensärgen liegen und schlafen. Vor allem die schöne Schriftstellerin Aurora (Jennifer Lawrence) hat es ihm angetan.

Bis er nicht mehr widerstehen kann und ihren Pod so manipuliert, dass auch sie aufwacht. Jetzt hat er jemanden, mit dem er die Reise in die Unendlichkeit verbringen kann. Allerdings muss er vor ihr die Illusion aufrechterhalten, dass auch sie Opfer einer Fehlfunktion war. Aber ob das auf Dauer gutgeht? Noch dazu, als sich herausstellt, dass mit der Avalon tatsächlich etwas dramatisch nicht stimmt...

Vor allem Oscarpreisträgerin Jennifer Lawrence hätte eine bessere Vorlage als diese verdient, wird Aurora hier doch als zwar neugierige, aber sich mit ihrem Schicksal schnell arrangierende Frau gezeichnet, während Jim als der technisch versierte Macher und Entdecker glänzen darf, dessen Stalker-Anwandlungen dem Zuseher mehr aufstoßen als seinem Gegenüber. Der Klassenunterschied des Arbeiters und der kreativen "Gold Star"-Passagierin, die für ein Buchprojekt einen Round-Trip gebucht hat, wird erwähnt, kommt aber nicht deutlich hervor, und ist nur eines von vielen Elementen, die an den Katastrophenfilm "Titanic" erinnern: Wenn da ein Spruch a la „Wenn du springst, spring ich auch" fällt und eine ähnliche Problematik wie die schwimmende, nur Einen rettende Tür aufkommt, sorgt das für unfreiwillige Lacher im Kino.

Unsere Meinung zu ‚Passengers':

Regisseur Morten Tyldum ist ein Shootingstar in der internationalen Filmwelt, spätestens seit er 2015 mit ‚The Imitation Game‘ (Porträt des Mathematikers Alan Turing, der den Enigma-Code der Deutschen Wehrmacht während des 2. Weltkriegs knackte) acht Oscar-und vier Golden Globe-Nominierungen aus dem Stand schaffte. Das machte Columbia Pictures auf den Norweger aufmerksam, die auf der Suche waren nach einem frischen Ansatz, wie man das Drehbuch von Jon Spaihts (der schon Prometheus verfasst hatte) umsetzen könnte.

Und tatsächlich hat der skandinavische Hollywood-Export (als nächstes inszeniert er ein Drama um die Rivalität der amerikanischen Technik-Ikonen George Westinghouse und Thomas Edison) einen kühlen, aber hocheffektiven Zugang gefunden, die nicht unproblematische Geschichte zu erzählen. Problematisch, weil es das große moralische Dilemma gibt: Darf ein Einzelner, nur weil er sich einsam fühlt, das Schicksal eines ihm fremden Menschen so radikal beeinflussen? Manche US-Kritiker verbissen sich tief in diese Frage und mochten den Film deswegen nicht. Hocheffektiv, weil die gefundene Visualität und Darstellung des einsamen Raumschiffs punktgenau die heutige Vorstellung davon trifft, wie so ein interstellarer Luxusliner aussehen müsste. Man muss kein Technikfreak sein, um die Avalon, die aussieht wie eine riesige, durchs All rotierende Leistungsschau kühler, seelenloser Designer-Innenarchitektur mit Triebwerken dran, als echt zu empfinden. Diese visuelle Pracht hilft auch durch den dramaturgischen Durchhänger, den der Film in der Mitte radikal erleidet. Am Anfang hat es etwas von Castaway oder Robinson Crusoe, wenn der solide spielende Chris Pratt das Schiff erkundet und von der Einsamkeit fast in den Suizid getrieben wird. Dann wiederholt sich das Ganze gemeinsam mit Jennifer Lawrence - und da schleicht sich trotz der aufkeimenden Beziehung Langeweile ein, weil so absehbar ist, was kommt. Da hilft es ungemein, dass die Schäden im Schiff aus der glatten Hochglanzoberfläche plötzlich Bedrohungen zaubern - sobald die Brüche auftauchen, kehrt auch die Dynamik des Films zurück, die bei nur zwei (später kurzfristig drei) Mitwirkenden zwangsläufig immer ein wenig eingeschränkt sein muss. Wie etwa aus den allgegenwärtigen Saugrobotern lebensgefährlicher Schrott wird oder sich ein simpler Swimmingpool (wobei der Begriff Infiniti-Pool mit Blick hinaus ins Weltall im wörtlichen Sinne erstmals wirklich stimmt) zur tödlichen Falle werden kann, das ist schon gut und logisch gemacht.

Dass diese Logik dann im letzten Viertel, wo Adrenalin und Action in ihr Recht treten dürfen, nicht immer beachtet wird, ist wohl den Gesetzen des Genres geschuldet. Auf den Schultern der Schauspieler lastet dabei Enormes, wenn sie praktisch allein im luftleeren Raum agieren. Wie so oft ist es die Nebenrolle, die am nachhaltigsten im Gedächtnis bleibt: Der Brite Michael Sheen (The Queen, Midnight in Paris) glänzt als gut programmierter Bar-Androide, der stets Gläser putzt, auch wenn nur ein einziger lebendiger potenzieller Gast auf dem Schiff ist. Jennifer Lawrence wechselt glaubhaft zwischen Verlorenheit, Verliebtheit und Aggression. Aus Chris Pratt wird zwar nie ein großer Charakterdarsteller, aber als bärtiger, fleischiger, derber Klotz ist seine vor Leben dampfende Physis das perfekte Kontrastmittel zur kalten, fugenlosen Technikwelt rund um ihn.

Fazit: Interessanter Science Fiction-Film, dessen Geschichte aber etwas mehr hergegeben hätte.

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